Gibt es einen Unterschied zwischen einer Lüge und dem Verschweigen einer Information?
In beiden Fällen verhindert man, dass eine Wahrheit bei dem Gegenüber ankommt und dass man ihre Konsequenzen ertragen muss. Weder das eine noch das andere ist dazu bestimmt, für immer zu bleiben und die entstandene Illusion kann innerhalb weniger Sekunden zerplatzen wie eine Seifenblase. Aber weil eine Lüge ihren Besitzer für eine kurze Zeit besser darstehen lassen kann, was vielleicht auch der wichtigste Grund für eine Lüge ist, steht sie im Allgemeinen über dem Verschweigen einer Information.
An diesem Tag war etwas anders an der Hochschule für angewandte Magie und Alchemie.
Die eigentlich düstere und verstaubte Halle und ersten Raum, den man durch das Schultor betrat, war mit dem Schulwappen auf Girlanden und Flaggen geschmückt und es rauschte aufgeregtes und neugieriges Gemurmel.
Ein zusammengeworfener Haufen Mitlernende hatte sich auf den dunkelrot und beige gefärbten Fliesen der Halle unter die Statue des Lords gestellt und hielten ein Willkommensschild hoch. Der Rest, der es nicht schaffte, mit einer Hand das Schild zu berühren, wippte aufregte hin und her und drücke den Haufen Körper enger zusammen. Das Willkommenschild war in den Farben des Schulwappens, Weinrot und Beige mit einem glitzernden „Willkommen“ über dem ganzen Plakat geschrieben. In der Mitte des aufgeregten Haufens und Haupthalterin des Schildes war die Komiteeleiterin und Schulsprecherin Lucinda Mariposa.
Von der Galerie in der ersten Etage aus konnte man erkenne, dass sogar ein dunkelroter Teppich ausgelegt worden war, der den Weg von der großen Hallentür zu dem Willkommensschild markierte. Neben Thekla standen noch all die Unglücklichen, von dem Willkommensteam Ausgeschlossenen auf der Galerie, um sich einen Überblick über die Aufregung zu verschaffen. Wer sich durchsetzte, konnte sich an das Gelände stellen und hinunterschauen.
Von dem Willkommenschild aus, über das Treppengeländer hoch zur Galerie und jeden Fleck des Geländers lang war alles tapeziert mit neugierigen Augen und aufgeregt geröteten Wangen.
Durch das gemurmel konnte man das schwere Offnen des Tors überhören, doch das jubeln der Mitte offenbarte, dass sich die Situation zugespitzt hat. Das Gedrängel wurde stärker und nun versuchten auch alle anderen auf der Galerie, einen Blick über das Gelände zu werfen.
Thekla und ihre Freundin My waren nicht bemüht, gegen die Menschenmasse anzukommen. Stattdessen ließen sie den anderen der Vortritt und machten genug Platz, um andere an sich vorbeidrängen zu lassen. „All die aufrgung für einen Gast. Als würden wir nicht ständig irgendwen begrüßen“, sagte Thelka, als sich jemand stark pafümiertes an sie vorbei drückte.
„Aber es ist ja nicht nur irgendein Gast, schließlich ist es Keno Korbinian und wenn der schon zur Schule kommt, da werfe sogar ich mich in Schale“, antwortete My. Dabei zeigte sie demonstrativ auf ihre Uniform, die auch alle um sie herum anhatten, wenn auch die Ausführung variierte. In ihrem Fall trug sie einen gestreifter Rock und eine weiße Bluse.
Als Thekla es geschafft hatte, einen Blick über das Geländer zu erhaschen, waren die ersten Willkommensrufe und peinlichen Zusammenbrüchen bereits vollbracht und in der Mitte des aufgeregten Körperhaufens konnte sie das erste Mal den Gast sehen, um den herum der Aufwand betrieben wurde.
Ein kupferrothaariger Kopf regte mehrere Zentimeter hinaus und er war das Zentrum der Blicke aller anderen. Er trug einen kantigen schwarzen Anzug und ein weißes Hemd, das bis zum vorletzten Knopf zugeknöpft war. Einige seiner längeren Strähnen sind mit klammern nach oben gesteckt worden. Kürzere, kupferglänzenden Strähnen, die einen leichten Pony bildeten, verdeckten einen Teil seiner Augen, sodass er nicht sehen konnte, was über ihm in der Galerie passierte.
Die ersten befriedigten Mitlernenden sind bereits auf dem Weg zur Aula und es entstanden erste Lücken am Gelände. Thekla legte ihre Hand neugierig, aber unbeeindruckt auf das dunkle Holz des Gelände und sah herunter. Im selben Moment wirkte es so, als hätte Keno einen lauten Knall gehört und sah ohne umschweifen direkt zu ihr hoch. Doch aus ihrer Richtung kam kein lautes Geräusch, sondern nur ihren Blick.
Wenn der Raum für einen kurzen Moment still gewesen wäre, dann wäre den anderen um sie herum aufgefallen, dass sich ihre Blicke in der Mitte des Raumes trafen und wie festgebunden aneinander nicht losließen.
Sie musterten sich nicht, auch danach würden sie sich nicht an ein einziges Detail im Gesicht des anderen erinner können. Das einzige was sie sahen, war eine Art Blitz und wenn Thekla es nicht besser gewusst hätte, dann wäre sie sich sicher gewesen, dass der Blitz nicht in den Augen, sondern mitten im Raum entstanden war.
My drückte sich neben sie und versuchte auch, einen ersten Blick auf den großen Gast zu erhalten. Sie lehnte sich an das Gelände, um sich einen Überblick zu verschaffen. Den seitlichen Druck, den sie auf Thekla ausübte, sorgte dafür, dass sich ihr Blick von Kenos trennten und sie stattdessen verwirrt zu ihrer Freundin sah.
„Ist er nicht der wunderschönste Mann der jemals auf Erden gewandelt ist.“
„Ja, er ist einfach perfekt“, spottete Thelka über diese Aussage.
„Du spinnst doch.“ Sagte sie empört. „Er ist nicht perfekt. Seine Zähne sind voller Charakter, sie sind nicht grade, sondern nach innen gerichtet und seine Eckzähne stehen symmetrisch hervor. Sein Haar ist wild und ungebändigt und die Farbe seiner Augen wechselt von braun zu rot zu pechschwarz, je nachdem wie das Licht auf sie fällt. Sein linker Mundwinkel ist höher als sein rechter, dabei hat er immer eine kleine Delle an seiner linken Wange. Und dieses kleine Muttermal unter seinem rechten Auge. Oh to be chosen as his future wife.“
„Wieso future wife?“ Thelka war verstört von der Vorstellung.
„Ich habe gehört, dass er sich hier vielleicht eine Partnerin oder eine Partner sucht. Deshalb sind hier alle so verrückt danach, die ersten zu sein, die er wahrnimmt. Und natürlich auch, um einen guten ersten Eindruck zu machen.“
„Ist das eine offizielle Information oder ein Gerücht?“
„Es ist ein Wunsch“. My lehnte sich verträumt an Thelkas Schulter.
Das Willkommenskommitee um Lucinda machte mit einem lauten Schallen auf sich aufmerksam und machten eine Ansagen „Es wird Zeit, dass wir Keno ordentlich begrüßen, deshalb werden wir unser Willkommen in die Aula weiterführen, wo der Direktor auf uns wartet. Bitte alle geordnet zu Aula gehen und nicht rempeln.“
Lucinda ging vor ihrem Komitee vor und wurde an ihrer Seite von Keno begleitet.
