Das Gedränge in der Eingangshalle löste sich auf und verteilte sich auf die 3 Zugänge zur Aula, in der es an Sitzplätzen nicht gemangelt hatte. 

Thelka und My gingen durch den Eingang, den sie über die Galerie erreichten. Bei den einsamen letzten 3 Reihen suchten sie sich einen Platz ganz vorne. Von dort aus konnten sie einen guten Blick auf die Bühne werfen, ohne dass ihnen jemanden in den Nacken atmete und gleichzeitig hatten sie einen angenehmen Sicherheitsabstand zwischen sich und dem Direktor, auf dessen Auftritt gewartet wird.
Die Sitzplätze in der Aula erstreckten sich über 7 Sitzreihen. Die Mitlernenden, die zum Willkommenskommitee gehörten, erreichten den unteren Teil der Aula durch zwei weitere Eingänge. Die Plätze waren rund um die Bühne aufgestellt worden und boten von allen Seiten eine gute Sicht zur Bühne. Trotzdem schien die Verteilung der besetzten Plätze sich etwas ungewöhnlich stark nach vorne zu fokussieren. 

Die Lichter wurden gedämmt und Scheinwerfer erstrahlten die Bühne, während es in den vordersten Reihen ungeduldige und entschlossene Mitlernende gab, die den nächstbesten Platz in der Nähe des Gastes ergattern wollten. Das Schulwappen strahlte das weiße Scheinwerferlicht in einem weinrot zurück.

Leichte Musikbegleitung durch ein Piano kündigte schließlich Direktor Hymar van Witt an und das Gewusel unter den Mitlernenden stoppte, da nun alle noch unschlüssigen Mitlernenden binnen Sekunden einen noch freien Platz einnahmen. 

„Liebe Lernende dieser wundervollen Hochschule.“ schallte es durch die Aula, dass es in den Ohren ring. Etwas, woran sich Thelka nie gewöhnen wird, sind die fehlenden Mikrofone in den Händen von Leuten, die sie noch kilometerweit weg gut verstehen konnte. „Es ist mir ein Privileg und eine Ehre, euch unseren Gast vorstellen zu dürfen. Er bedarf eigentlich keine Namentlichen Nennung. Keno Korbinian ist den weiten Weg zu uns gekommen, um uns in Namen seines Vaters zu besuchen.“

Keno, der sich die wenigen Sekunden neben Lucinda gesetzt hatte, ging die Stufen vor der Bühne hinauf und schüttelte dem Direktor demonstrativ die Hand. Er stand noch mit einem Fuß auf den Stufen, während das Scheinwerferlicht von seinen Eckzähnen wie von Perlen reflektiert wurde. Er sah in die Zuschauermenge, als er einen letzten Schritt auf die Bühne und neben dem Direktor machte.

„Geehrter Direktor, es ist mir natürlich auch eine Ehre, ihre Hochschule besuchen zu dürfen. Voran möchte ich mich für die wundervolle Begrüßung bedanken.“ Keno schickte eine Art Luftkuss zu Lucinda und den Teilnehmenden des Komitees.

Kenos Ton wurde ernster. „Unter all den Schulen unserer Zeit ist diese die Wichtigste und Nennenswerteste. Schließlich werden hier die Ehrbarsten von uns gelehrt und trainiert. Und auch ich durfte diese Hochschule als Nachkommen meiner Familie besuchen. Für uns und unsere Gesellschaft erweisen sie, Herr Direktor, damit einen wichtigen Dienst und mein Vater und ich können ihnen dafür nicht genug danken.“ 

Der Direktor strahlte, dass seine Zahnlücke zwischen den Schneidezähnen die tiefe Schwärze in seinem Inneren zum Vorschein brachte.

Während Keno weiter über seine Zeit an der Hochschule redete, zeigte Thelka mit zwei Fingern in ihren Mund und hustete, als würde sie sich übergeben müssen. My kicherte in ihre Hand.

„Aber mein Besuch ist natürlich nicht nur reines Vergnügen und Schwelgen in Erinnerung.“, leitete er laut ein. Wie die meisten anderen erwartete My, dass er nun von seiner Suche nach einem möglichen Partner oder einer Partnerin reden würde. Welche Bedingungen daran geknüpft waren und warum er sich diesen Plan vorgenommen hatte. Doch stattdessen musste sie nun erfahren, dass Thelkas Zweifel berechtigt waren. 

„Wie einige von euch mitbekommen haben, haben wir eine ganz besondere Schülerin unter uns. Eine Menschengeborene, die in unseren Kreis großzügig aufgenommen wurde.“ 

Aus dem Publikum kamen einige Buhrufe. Thelka wusste natürlich direkt, wer damit gemeint war und sie sah, dass My einen Hauch von Enttäuschung ausstrahlte.

„Liebes, kannst du bitte einmal für uns aufstehen?“, war das Letzte, was sie hörte, als ihr Blut anfing durch ihre Ohren zu rauschen.

Ein Lichtstrahl traf Thelka direkt ins Gesicht und sie merkte, dass ihr die Röte ins Gesicht stieg. Sie stand auf und ertrug die Buhrufe und das Gelächter um sie herum, denn sie schallten nur stumpf an ihr vorbei. 

„Liebe Lernende, ich bitte um besseres Benehmen. Schließlich müssen wir anerkennen, dass ihr eine große Ehre zuteil wird.“

Der Lichtstrahl blendete sie so sehr, dass sie Kenos Gesicht kaum erkennen konnte. Doch an seiner Stimme hörte sie den Hohn und Spott, den sie bereits von ihren Mitlernenden kannte. 

Kenos Statur erinnerte an einen Soldaten, der auf einen Befehl wartete. „Unser Kodex besitzt nur zwei Regeln. Erstens ist es unser aller Aufgabe, unsere Welt vor den Menschen geheimzuhalten und zweitens, die zu bestrafen, die sich nicht daran halten. Dass wir dich nicht jagen und für deine Erkenntnis über unsere Welt in Stücke zerreißen ist wahrhaft großzügig.“

Jemand aus der Menge schrie „Können wir doch immer noch.“ und aus dem Publikum rauschte amüsiertes Lachen, das sogar durch das Blutrauschen in Thelkas Ohren zu hören war.

„Ich werde daher die nächste Zeit an dieser Schule ein Auge darauf werfen, dass die Regeln unserer Gesellschaft eingehalten werden.“

Diese Neuigkeit löste erfreutes Rauschen aus.

Thelka sah auf ihn und hatte nur einen Gedanken, den auszusprechen sie nicht durfte. Ihr Blick las aus seinem, dass Keno seine Aufgabe sehr ernst nahm und dass er seinen Blick nicht mehr von Thelka lösen würde, bis er wieder abreiste.

Wenn das Licht sie nicht so stark geblendet hätte, dann wäre ihr aufgefallen, dass es zwischen ihnen geblitzt hatte.