Thelka war nicht mehr in ihrem Körper, so fühlte es sich zumindest für sie an. Erst die angeschaltete Deckenbeleuchtung sorgte dafür, dass sie sich aus ihrer Stockstarre löste.
Nach dem schweren und nervenzerreißenden Willkommensauftackt wurde es wieder unruhig und etwas Normalität schien wiederhergestellt, als sich die Mitlernenden auf den Weg zur Vorlesung machten. Normalität, die sich Thelka nur Wünschen konnte.

Keno begleitete den Direktor hinter die Bühne. Dort gingen sie durch eine Drehtür, die in sich vier Ausgänge hatte. Jeder Ausgang führte zu einem anderen Ort. So auch hinter die Bühne und in das Büro des Direktors. Die schwarze Holztür, die sie von dem Büro trennte, war mit einer Handbewegung von Direktor van Witt geöffnet und wieder geschlossen worden. 

In dem Büro waren ein dunkelbrauner Lederstuhl hinter einem Schreibtisch und zwei kleinere, aber in dem selben Leder gefasste Stühle davor. Die einzelnen Flächen unter den Füßen von dem Direktor, auf seinem Weg zu seinem Stuhl waren dunkel gefärbt. 

„Herr Korbinian, sie haben eben ziemlich übertrieben. Den Menschen so in den Vordergrund zu stellen.“, sagte der Direktor, während er seine Beine übereinander schlug.

„Haben sie Angst, dass sie vor lauter Scham im Boden versinkt?“ Keno untermalte seine spöttische Aussage mit einem hämischen Lachen.

„Nein, von mir aus soll sie zur Höhle der ewigen Qualen gejagt werden.“ antwortet der Direktor, genervt von der Annahme, er würde sie in Schutz nehmen.

Keno klopft ungeduldig mit dem Zeigefinger auf den massiven Holztisch. „Seien sie doch froh, dass ich den Fokus auf sie wegnehme. Auch wenn mein Vater mich wegen ihres Fehlers schickt.“

Wieder eine spöttische Aussagen, dachte sich der Direktor, die nur dafür sorgen sollte, dass er sich gegenüber Keno weniger Wert fühlte. Nachdenklich rieb sich der Direktor die nackte Oberlippe, während er sich an den Stuhlrücken lehnte und Keno ansah. Etwas in ihm forderte ihn auf, Keno auf seinen Platz zu weisen, solange er in seinem Büro war.

„Sie kennen doch unser Wappen oder?“ , sagte er ruhig an seinen Fingern vorbei. Bevor Keno antworten konnte, was er nicht vor hatte, sprang der Direktor von seinem Lederstuhl auf und ging an das sehr groß ausgedruckte Zeichen an seiner linken Wand, dass er als Wappen bezeichnete.

Wappen Hochschule

„Wer ist das?“ Er zeigte auf den Kreis unten links.

„Das bin ich.“ antwortete Keno.

„Wer ist das?“ Er zeigte auf den Punkt unten rechts.

„Das ist mein Vater.“

„Wer ist das?“ Er zeigte auf den Punkt in der Mitte.

„Das ist unsere Herrin und Meisterin, Adila.“

„Und wer ist das.“ Er zeigte beinahe genervt und belehrend auf den Punkt ganz oben. Sein Finger verbog dabei den Stoff des Wappens.

„Das ist unser Unholy Spirit. Kraftgebender Geist für uns alle und herrschende Macht unseres Gleichen. Et cetera p.p.“, antwortete Keno, der seine Augen verdrehte.

„Unser Gründer Lord hat die Prophezeiung von ihrem Vater erhalten und interpretiert. Wegen dieser Prophezeiung hat er diese Schule gegründet mit dem Ziel, den Unholy Spirit aufzuspüren. Jede große Familie wollte ihre Nachkommen auf diesem Platz sehen und haben diese Schule mit Geld überworfen, dass wir uns davor retten mussten. 

Sogar ihr Vater hatte den Wunsch geäußert, ob nicht sogar sie der Unholy Spirit sein konnten, doch das war bereits ausgeschlossen.“

An Keno konnte der Direktor ablesen, dass diese Aussagen ihn an eine Zeit erinnern ließ, dessen Bilder er nur kräftig wegschütteln konnte, bevor sie ihn überwältigen.

Der Direktor blieb vor dem Wappen stehen und kreuzte die Arme. „Die Prophezeiung spricht davon, dass der Unholy Spirit genau 666 Minuten am 666. Tag des jeweiligen Jahrhunderts geboren wurde. Das trifft auf Hunderte zu und nunmal auch auf Thelka.

Erschwerend hinzukommend ist uns bis vor wenigen hundert Jahren erst bewusst geworden, dass unsere Zeitrechnung sich um 1 Jahr verschiebt, sodass wir nicht ab Beginn eines Jahrehunderts rechnen, sondern 1 Jahr zuvor. Das mussten wir für uns behalten, denn viele Familien habe ihre Kinder genau so zur Welt gebracht, dass sie in Frage kämen.“

„Sind denn nicht noch genug andere Kandidaten möglich?“

„Wir haben bis jetzt alle anderen uns bekannten Möglichkeiten ausgetestet. Erst die Magischgeborenen, von denen wir unter Tränen eine nach dem anderen ablehnen mussten.

Sie konnten noch so mächtig sein oder ihre Familien noch so reich, aber diese Familien werden nie verstehen, dass genau das nicht alles ist.

Die ersten Menschengeborene, die wir hier aufgenommen haben, waren alle von ihrem Vater abgesägten. Hat er nicht sogar zuerst diesen Gedanken geäußert.

Jeder von den Menschengeborenen wusste, dass wir sie töten werden, wenn sie nicht der Unholy Spirit waren. Aber sie sind alle so besessen davon gewesen, Macht zu haben, dass wir bereits so die ersten ausgeschlossen haben. Einige übrigen haben den Freitod gewählt, als ihnen bewusst war, dass sie keine Magie hatten. Kein Mensch, der diese Schule besucht hatte, hat sie lebendig wieder verlassen, auf Wunsch ihres Vaters.“

Direktor van Witt nickte Keno zu.

„Sie können sich dann ja sehr gut vorstellen, warum mein Vater äußerst erschrocken war, als er von ihrem Angebot gehört hatte, dass sie den Menschen am Leben lassen wollen. Er sucht seit Tausend Jahren nach dem Unholy Spirit, um uns und unser Geschlecht zu retten. Ohne den Unholy Spirit wird es nicht mehr lange dauern, bis es keine Magischgeborenen mehr gibt. Und sie nutzen seine Sorgen aus, um sich über seine Befehle zu stellen.“

„Ihr Vater wird aber auch genau deshalb meine Beweggründe verstehen. Dieser Mensch hat uns wiederholt abgesagt und dafür gesorgt, dass uns der Kontakt zu ihr erschwert wurde, deshalb haben wir große Hoffnung in sie gelegt gehabt. Am Ende hat sie sich nur dazu bereiterklärt, unsere Schule zu besuchen und sich auf unseren Unterricht einzulassen, weil wir ihr versprochen haben, sie nicht zu töten. Dafür werden wir ihr Gedächtnis löschen, wenn sie die Frist von vier Wochen geschafft hat. Sie wird keine Erinnerung an uns und der Existenz von Magie haben.“

Der Direktor setzte sich zurück auf seinen Lederstuhl und lehnte sich mahnend auf den Schreibtisch.

„Auch wenn ihr Vater das nicht gerne hören wird, für uns war es wichtig, ihr eine Chance zu geben. Wir sind uns alle einig, dass wir uns falsch entschieden haben. Und genau das hat ihren Vater so erschrocken.“

Keno verstand seinen Vater, dem Loyalität und Gehorsam fast so wichtig war wie Familie und Vertrauen. Doch auch er kannte die negativen Seiten davon, unter seinem Schatten zu stehen und den Druck aushalten zu müssen.

„Und was ist der Plan, wenn sie es doch nicht ist?“

„Dann müssen wir 100 Jahre warten.“, sagte Direktor skeptisch. „Wirklich schade, dass Lucinda ein Jahr später geboren wurde. Sie wäre eine wahrhaft ebenbürtige Kandidatin.“ 

Keno stand auf und richtete seine Kleidung. Es gab nichts mehr, was er dem Direktor sagen wollte, also war es Zeit für ihn zu gehen.

„Herr van Witt, ich muss sagen, vielleicht sind sie gar nicht so ein schlechter Direktor.“