Der alljährliche Halloweenball, der zum Ende des Oktobers gefeiert wurde, stand im Schatten der Ankunft von Keno. Und obwohl Thelka sich ein wenig darauf gefreut hatte, lag ihr der Tag schwer in den Knochen. So war sie an den beiden Vorlesungen des Tages von Keno ununterbrochen beobachtet worden und kam unter seinem Blick nicht so zurecht, wie sie es sich gewünscht hatte.

Thelka und My trafen sich bereits vorab, um sich etwas alkoholisches einzuverleiben, was sich im Nachhinein vielleicht als eine nicht so gute Idee herauspuppte.

Im Gegensatz zu Thelka hatte My einen der wenigen Doppelzimmer, das sie sich mit Hilfe ihrer Eltern leisten konnte. So war es verständlich, dass Thelka sich nicht unbedingt in ihrem 12 Personen Zimmer fertig machen wollte, wenn sie es verhindern konnte. 

Mys Mitbewohnerin war Alexandra, die sich zum Fertigmachen ins Doppelzimmer von Lucinda und ihrer Freundin Merit zurückgezogen hatte. 

Ihre Kleiderwahl beschäftigte My schon seit Wochen. Daraus entstand ein Outfit aus einem Anzug in einem dunklen Grün und einem schwarzen BH, der sich nur andeutete. Ihre zierliche Figur wurde durch das große Sakko nicht verschlungen sondern hervorgehoben und ihr langes glattes Haar fiehl an ihrem Rücken wie ein Wasserfall nach unten. In einer Sakkotasche versteckte My etwas Alkohol in kleinen Flaschen.

My hatte Thelka angeboten, sich aus ihrem Kleiderschrank etwas passendes auszusuchen. Dennoch blieb ihr nichts anderes übrig, als eines ihrer alten, aber schönen Kleider anzuziehen, das sie von Zuhause mitgebracht hatte, denn in Mys Kleidung passte sie nicht rein.

Es war ein corsettiertrs gelbes Kleid, dessen Rock ihr bis zum Knie ging. Ihre Figur wurde von dem Korsett eng zusammengedrückt, sodass sich ihre Taillie schmaler und definierter anfühlte. Der Rock lag leicht über ihrer Hüfte und umhüllte ihre angeblich unschönen Stellen.

Sie machten sich auf den Weg, als der Ball schon lange angefangen hatte. Von Mys Zimmer brauchten sie etwa zehn Minuten zur großen Halle, wobei sie den großen Park überqueren mussten.

Draußen konnten sie durch die langen Fenster der Halle hereinsehen und die vielen Kleider in allen möglichen dunklen Tönen betrachten. Die Farben rauschten wie Seegras in einem eng besiedelten Aquarium.

Toll, dachte sich Thelka. Mit ihrem gelben Kleid würde sie nun herausstechen wie eine Glühbirne.

Sie gingen durch einen Seiteneingang wieder in das Schulgebäude herein und durch die große, mit Schnitzereien verzierte Tür, die weit offen stand und alle herein lud, die sich trauten.

Der Ball war bereits lange im Gange. Das Kerzenwachs der Krohnleuchter lief bereits unter den Kerzenhaltern, ein Streichquartet spiele in der linken Ecke der Halle und es roch nach herben Gewürzen, mit denen die Halle geweiht wurde. In der Mitte von allem tanzten viele Mitlernenden in einer Kreisformierung auf den alten Schachbrettfliesen, wobei  in ihrem Zentrum schwebten ein rothaariger Kopf und ein dunkelblonder Knoten, es waren Keno und Lucinda. 

Es sollte ein Halloweenball wie jeder andere werden, auch wenn Keno als besonderer Gast den Ball besuchte. Die Schule musste für das gewünschte Ambiente nicht viel schmücken, denn die Hallen der Schule strahlten bereits Schauer und Grusel aus. Deshalb blieb eine enorme Summe des Budgets für die Speisen und Getränke, sowie der Band, um den Abend für die Mitlernenden, die Lehrenden und Gäste interessant zu gestallten. Und genau deshalb waren My und Thelka bereit, auf den Ball zu gehen, wegen dem Essen.

Thelka gehörte zu dem Durchschnitt, während My mit 22 zu den jüngsten gehörte. Deshalb war Alkohol nicht verboten, sondern für die Gäste frei zugänglich. Dennoch musste das nicht bedeuten, dass er schmeckte. Die auf Tabletten ausgehändigten Getränke waren oft mit Gewürzen und bitteren Mixturen gemischt, von denen man sich mehr als nur einen leichten Rausch versprach.

Doch das Buffet enttäuschte nicht. Auf Silber angerichtetes Fingerfood und portionierte Salate waren bereit, direkt verzehrt zu werden. Kleine Desserts wurden auf Etageren und Kerzenleuchter angerichtet. Und auf Kenos Wunsch wurden nur vegetarische Gerichte serviert.

Mit einer Hand in ihrer Sakkotasche und der anderen voller Fingerfood stellten sich My und Thelka an den Rand der Party, weiterhin in der Nähe des üppigen Buffets, und sahen auf die tanzende Menge. An einigen Gesichtern war der Rausch durch die Mixturen anzusehen.

Thelka sah zu Lucinda, die beinahe Schwerelos über die Tanzfläche schwebte, in einem großartigen, bauschigen Kleid. Und My konnte aus ihrem Gesicht lesen, dass Thelka sich mit ihr verglich.

„Ich wunder mich, dass Keno sich überhaupt so offensichtlich mit Lucinda abgibt.“, fing My an. 

„Wie meinst du das?“, fragte Thelka scheinheilig. Sie wusste, dass My jetzt schmutzige Details raushauen würde und genau das brauchte Thelka. 

„Ich meine, ja… ihre Familie ist eng mit seiner befreundet. Das ist ja alles schön und gut und trifft ja auch auf viele hier zu. Aber Lucinda ist eigendlich die Schande ihrer Familie.“

„Wie meinst du das?“
„Sie ist genau, ja beinahe lächerlich genau, ein Jahr jünger als du. Ihre Familie hat alles dafür gegeben, dass ihr Kind sich als Kandidatin um den Platz als Unholy Spirit qualifiziert. Doch ihnen war nicht bewusst, dass sie sich um ein Jahr verrechnet haben. Wie peinlich das war, als sich herausstellte, dass sie zu den Familien gehörten, die ihr Kind zum prophezeiten Moment zur Welt gebracht haben.“

Thelka ließ diese Infos auf sich wirken, während My ihr eine Pause gab.

„Es war ihnen so peinlich, dass sie sogar die Verschiebung um ein Jahr anzweifeln. Sie haben ihren Status als Familie genutzt, um genug Zweifel zu schüren. Also konnten sie Lucinda so ausbilden, als wäre sie der Unholy Spirit. Kenos Vater hat sich die Familie sogar vorgenommen, um ihnen das zu verbieten. Das war ein mega Skandal.“

My sah zu Thelka, doch in ihrem Gesicht konnte sich immer noch der Zweifel des eigenen Wertes ablesen.

„Und sie hat es trotzdem nicht geschafft, als Kandidatin heute aufzutreten. Du solltest eigentlich mit Keno im Mittelpunkt stehen. Unabhängig davon, ob du ein mensch bist. Sie ist in der ganzen Debate um den Unholy Spirit der Verlierer.“

Sie sahen sich an, als My nicht mehr weitererzählte. Eine Mitleidsschnute erschien in Mys Gesicht. „Du bist mehr Kandidatin als Lucinda.“

Etwas in Mys Worten löste ein Lächeln in Thelkas Gesicht aus. „Tanzen mit Keno?“

„Findest du das so absurd?“

„Dafür müsste ich aussehen wie Lucinda.“, lachte Thelka.

Nachdenklich sah Thelka zurück zur der tanzenden Runde. Ihr Lächeln verschwand, während der Höhepunkt des Tanzes erklang. My entleerte wieder eine ihrer kleinen Alkohol gefüllten Fläschchen.

Kurz danach verstummte die Musik und die tanzenden Mitlernenden lösten sich in alle Richtungen auf. Lucinda und Keno hielten sich weiter an den Händen und gingen zusammen zum Buffet, wobei es so aussah, als würde Lucinda ihn ziehen. Unbeabsichtigt begegneten sie dabei My und Thelka.

„Der Mensch und die Lesbe.“, spottete Lucinda lachend, als sie sich über das Fingerfood beugte, das neben Thelka und My aufbereitet war. Einige Mitlernenden machten es ihr gleich.

„Bisexual.“, antwortete My. Sie stand eine Pause und lächelte dann. „So wie du.“

Lucinda würdigte diese Aussage nicht mal mit einem spöttischen Geräusch. 

„Ich wusste gar nicht, dass du homophob bist.“, sagte Thelka.

„Bin ich nicht. Das klingt aber wie ein Witz. Kommen ein Mensch und eine Lesbe in eine Bar.“

Obwohl Lucinda einiges angefasst hat, nahm sie sich nichts von dem Fingerfood. Stattdessen drehte sie sich von dem Essen weg und ließ Keno vorbei, der sich von dem Szenario nicht beeindrucken ließ. Er reichte zum Fingerfood und nahm einen vegetarischen Miniburger.

Lucinda stellte sich wie ein aufgebauschten Pfau nah an Thelka. „Ihr seid beide nämlich nicht mehr als ein Witz.“

Der Blick von Lucinda wechselte von Thelka zu My und zurück, bevor sie sich zu Keno wendete und ihm sagte, dass sie sich die Nase pudern sollte. Er antwortete darauf nicht, sonder gab ein verständliches Nicken, denn der vegetarische Miniburger hat in einem Happen in seinen Mund gepasst, ohne ihm zu sehr zu füllen. 

My murmelte etwas vor sich hin, was in ihren Augen die beste Konterantwort gewesen wäre. Thelka verstand davon nur ein paar Worte. „…mich von dir getrennt.“

Etwas sehr emotional sah Thelka zu My und fragte sie, ob sie kurz ohne sie zurecht kommen würde. My verstand es und strich ihr über den Rücken. „Na klar.“ 

Sie ging an Keno vorbei, über die Tanzfläche und stampfte durch den Hauptdurchgang raus, auf dem Weg zu den Toiletten. Sie hatte einen Plan und genug getrunken, um ihn umzusetzen. Wenn Lucinda unbedingt für den Unholy Spirit gehalten werden will, dann wäre Thelka mehr als bereit, ihr dabei zu helfen.