Kontrolle ist genau so eine Illusion, wie der Wunsch, ewig zu Leben. Wenn man sich Kontrolle wünscht, dann hat man sie nicht und wird sie nicht bekommen. Und da trennt sich Kontrolle von Intelligenz, denn ein guter Plan kann einem dem Ziel näher bringen, das man verlangt. Es geht darum, das Chaos zu nutzen. 

Magie ist eine interpretation, erinnerte Thelka sich, als sie sich neben Lucinda an die Waschbecken stellte. Sie war ihr zu den Frauen Toiletten gefolgt.

Thelka flüssterte zu Lucinda, während sie sich beide an die Waschbecken lehnten. „Hey, ich habe gemerkt, dass du ganz doll müde bist.“

Mit einem Lippenstift in der Hand drehte Lucinda ihr Gesicht vom Spiegel weg zuThelka und sah sie beinahe angeekelt an. „Was willst du von mir?“, fragte sie verwirrt.

„Du bist so müde, gleich setzt du dich in die Kabine und schläfst.“

Im Gesicht von Lucinda zuckte es, als wären ihre Augenlider in wenigen Sekunden schwer wie Blei geworden. Ihr Lippenstift fand Seitenweg zurück in eine kleine, versteckte Tasche ihres Kleides, während sie ihre Lippen übereinander rollte.

„Lass mich in Ruhe du Freak.“, sagte sie und stieß sich von dem Waschbecken ab. Doch etwas schien sich an ihrer Haltung zu ändern. Ihr Rücken bog sich nach vorne und ihre Hand versuchte sich abzustützen. Sie machte ein paar Schritte weg von dem Waschbecken und hin zu den Kabinen.

Thelka verfolget sie, scheinbar beunruhigt. „Setz dich doch kurz in die Klokabine und nimm dir eine Pause. Du brauchst es, das weißt du doch. Und wenn ich dir Bescheid gebe, dann geht es dir sofort besser. Aber warte bis ich dir das Signal gebe.“

Lucinda wackelte schläfrig zu der offenen Klokabine und murmelte etwas vor sich hin, als sie sich auf die geschlossene Klobrille setzte. Ihre Augen waren bereits geschlossen, als Thelka vor ihr die Klotür schloss.

Thelka setze sich in die Klokabine daneben und schloss mit einer Bewegung beide Kabinentüren ab, dass man von außen sehen konnte, dass sie besetzt waren.

In ihrem Kopf rauschten die Ideen und der Alkohol und sie sagte sich, wegen eines kleinen Fehlers würde sie sich nicht von der Schule werfen lassen.

Mit einer einfachen Handbewegung öffnete sie die Kabinentrennwand, die sie von Lucinda trennte. Ihr schlafender Körper rutschte von der Klobrille und drückte das Kleid in alle Richtungen. 

Bevor sie sich konzentriert an die Arbeit machen wollte, nutzte sie die Situation aus. Sie streckte ihre beiden Mittelfinger raus, richtete sie in Lucindas Richtung und flüssterte mehrmals hintereinander ‚Bitch. Bitch Bitch Bitch.‘ Und das tat sehr gut.

Um ihren Plan umzusetzen hatte sie zwei Möglichkeiten. Entweder sie übernehm den Körper von Lucinda und spazierte wie in einem Kostüm damit heraus oder sie pustete ihren eigenen Körper so auf, dass er in seiner Form zu einer exakte Kopie wurde.

Beide Möglichkeiten boten Vor- und Nachteile, doch den Körper eines anderen zu übernehen würde dafür sorgen, dass auch ihre Magie übernommen werden würde und für ein solches Experiment hätte sie keine Geduld und keine Zeit. Sie entschied sich also für die zweite Möglichkeit.

Mit Lucinda’s Hand im Griff sah sie zu, wie erst ihr Arm, dann ihr Rumpf und dann der Rest ihres Körpers heraus zu den Gliedmaßen seine Form änderten. Teile ihrer Haut streckten sich fühlbare in die Länge, ihr Kleid lockerte sich am Rumpf und die Schuhe drückten ihr an ihren Zehen.

Der größte Nachteil dieser Möglichkeit sind die äußerlichen Feinheiten, die sich nicht kopieren lassen. Muttermale, Narben, die Farben ihrer Augen, ihrer Haare und auch ihr Make Up wurden nicht übernommen. Doch Farbänderungen waren ein Leichtes. Die Haare verfärbten sich in Lucinda’s Blond, ihre Augen bekamen einen grünen Anstrich und das Make Up lag perfekt auf ihrem Gesicht. 

Die Kleider und Schuhe auszutauschen war ebenfalls ein einfacher Austauschzauber und im Gegensatz zu den anderen zwei Zauber, hatte der Kleidertausch den Vorteil, dass er nicht anhaltend ist. Eine Herausforderung, der sich Thelka nun stellen muss, um ihren Plan zu verfolgen. Schon beim Wechseln der Kabine merkt sie, dass sich die Zauber anfühlten, als würde sie einen Arm permanent hochhalten.

Lucinda’s Körper wurde behutsam in die andere Kabine gelegt, in der sie friedlich weiterschlief. Die Kabinentrennwand wurde wieder aufgebaut und als wäre nichts gewesen trat Thelka aus Lucindas Kabine.

Die hohen Schuhe, in denen Lucinda sich bewegte, als wäre sie aus Luft, drückten ihre Zehen in die andere Richtung und nur mit Mühe konnte sie darin Laufen, ohne sich festhalten zu müssen. 

Obwohl sie auf direktem Wege zurück in die Halle wollte, kam sie nicht umher, ihr neues Aussehen im Spiegel zu betrachten. Ein erst flüchtiger Blick in den Spiegel, wenn man auf etwas reagierte, das sich bewegte, wurde zu einem erstaunten Starren. Lucindas Körper war das Ergebnis von Disziplin und guter Gene. Ihre Taillie war kurvig und elegant, ihre Beine lang und auch ihr Gesicht war nicht hässlich. Thelka betrachtete, wie Lucindas Körper sich unter ihrem Komando bewegte und dachte, das bin jetzt ich – ich bin jetzt wunderschön. 

Ein eigenartiges Gefühl von Erleichterung, Freude und einer selbstverlorenen Leere machten sich breit, während sie ihre Form mit den Händen abtastete. 

Wenn sie der Magie nicht bereits komplett abgeschworen hatte, dachte sie, würde sie vielleicht immer so aussehen. Und in dem Moment erlaubte sie sich, ihre Augenfarbe kurz zurückzuholen und in den Spiegel zu sprechen. „Du bist nicht hässlich.“

Der Weg zurück zur Halle war eine gute Übung, um in den Schuhen halt zu bekommen, bevor sie ihre Rolle als Lucinda spielen musste. Sie hat keine Parade erwartet, als sie wieder in die Halle trat, aber zu sehen, wie ihre Mitlernenden auf Lucinda regierten, wirkte für sie plump. Einige lachten sie an, andere flüsterten sich etwas zu, während sie in ihre Richtung sahen.

Eine warme und große Hand griff nach Ihrer und in ihrem Bauch zuckte etwas zusammen. Der Geruch in ihrer Nase war schwer und süß und reichte aus, um den Besitzer der Hand zu erkennen. 

Obwohl sie aufgeregt war, wirkte dieser Handgriff wie eine Droge und sie war in einem Fokus, wie sie es nur in einer Klausur schaffte.

„Ich finde nicht, dass das Kleid zu viel ist.“, sagte er ihr beinahe freundschaftlich.

Zu viel, dachte sich Thelka, kannte Lucinda doch gar nicht.

„Ich denke nicht, dass du das beurteilen kannst.“

Eine gute Antwort, dachte Thelka.

„Du kannst mir gerne glauben, dass ich dir nur helfen will. Dass ich dich als Kandidatin vorführe ist nicht nur ein großes Lob, sondern auch die einzige Möglichkeit in deinem Leben, dir eine Position zu erarbeiten. Das waren doch deine Worte.“

„Meine Worte…“ began Thelka, doch in ihrem Kopf führte dieser Satz zu nichts.

„Du bist wirklich aufgeregt, oder? Lass dich davon nicht fertig machen. Dein Leben lang hast du dahin gearbeitet und jetzt zeigst du van Witt, dass er sich mit diesem Menschen einen peinlichen Fehler erlaubt hat.“

Peinlicher Fehler, das zu hören löst gleichermaßen Bestätigung aus, als auch den Drang, darauf einzugehen.

Thelka nickte ihm zustimmend zu und sah in die Halle. Ihre Mitlernenden tanzten und lachten, aßen und unterhielten sich. Und trotzdem achteten sie auf sie und auf Keno.

„Was erwarten die alle jetzt von mir?“, fragte sie Keno, offensichtlich ohne einen genauen Plan. Sie erhoffte sich, dass Keno und Lucinda etwas abgesprochen hatten, doch dem schien nicht der Fall zu sein. Das war nicht überraschend, denn Lucinda gehörte nicht zu den Leuten, die sich mit anderen absprach.

„Du sollst den Raum mit Staunen füllen.“, sagte er zu ihr, während er suchend durch die Halle sah.

„Soll ich ihn noch mit etwas anderes füllen?“ Sie sahen nicht einander an, doch etwas zwischen ihnen leuchtete auf. 

„Wasser“, sagten sie beide gleichzeitig. Thelka sah zu Keno hoch und in ihrem Gesicht merkte sie ein starkes ziehen an ihrem Mundwinkel. Ein nicht unterdrückbares Lächeln breitete sich in ihrem Gesicht aus und sie versuchte, ihre Mundwinkel zurück unter Kontrolle zu bekommen. Er rümpfte amüsiert bei dem Gedanken.

Sie fühlte sich in seiner Nähe zu wohl, mahnte sie sich.

Keno zuckte aus seiner Tasche ein filigranes, silbernes Feuerzeug. Das Wappen der Schule war darauf zu sehen und der Kreis unten rechts war besonders hervorgehoben. Er öffnete und schloss es mehrmals hintereinander und eine kleine Flamme erschien und war wieder erloschen. Thelka sah zu und flüsterte, sodass Keno es hören konnte: „Oder wir brennen den Ort einfach nieder.“ 

Keno sah verwirrt zu ihr runter und verarbeitete, was er gehört hatte, als sie nach dem Feuerzeug griff.

Das Feuerzeug lag schwer in ihrer Hand, während sie eine Flamme anzündete. Ihre Brust drückte an dem Kleid, als sie tief Luft holte. Sie hielt die Flamme vor ihren Mund und pustete in ihre Richtung, doch statt sie ausgehen zu lassen war es, als würde sie Benzin hinein spucken und ein riesiger Feuerschwarm flog über ihre Mitlernenden zu dem Kerzenleuchter. Der Schwarm teilte sich in viele kleine Lichtperlen. Erst da konnte man die einzelnen Schmetterlinge erkennen, aus dennen der Schwarm bestand. Sie flogen über den Köpfen der anderen Hinweg und der Raum heizte einmal stark auf. Die Schmetterlinge flogen aufeinander und gingen einer nach dem Anderen wieder aus wie ein Bündel Streichhölzer und übrig blieb nur ein dichter Rauch. Thelka öffnete mit ihrer Hand eins der großen Fenster und führte den Rauch hinaus. Ihre Mitlernenden applaudierten ihr.

Sogar Keno war überrascht über diesen Trick. Obwohl jeder Trick eine Interpretation sein konnte, war es ihm schwer, etwas hineinzudenken. Für einen kurzen Augenblick dachte er, er habe die wahre Kandidatin vor sich. Doch er legte diesen Gedanken wieder ab, denn beim besten Willen, Lucinda war nicht die richtige Kandidatin.

Er sah zu Thelka rüber und seine Überraschung verblasste so schnell wie die Schmetterlinge. „Ich wusste gar nicht, dass du eigentlich braune Augen hast.“, sagte er. Seine Stimme war ehrlich. Denn dieses Mal war es wirklich so, dass er Aufmerksam in Lucindas Gesicht sah. 

Thelka reagierte panisch und sagte nur: „Habe ich auch nicht“.

Sie rastete in ihrem Kopf aus und schimpfte mit sich, dass sie sich so einen Fehler hat machen lassen. Doch Keno nahm ihr diese Gedanken wieder weg, indem er ihr an ihr Kinn fasste und hineinsah. „Oh, ich hätte schwören können.“ Dann ließ er los.

Glück gehabt, sagte sich Thelka selbst, doch so einen Fehler darf sie sich nicht nochmal erlauben. Keno hielt ihr seine Hand hin. „Willst du den nächsten Tanz noch einmal mit mir tanzen?“ Sie hielt kurz inne.

Ihr Plan war aufgegangen. Lucinda hatte einen Auftritt, der an die Zweifel des verschobenen Jahres appellierte. Es war also wieder Zeit, ihren Platz mit Lucinda zurück zutauschen. Doch sie tat es nicht. Stattdessen nahm sie seine Hand und ließ sich von ihm auf die Tanzfläche führen. 

Sie spürte seine warmen Hände durch das Kleid an ihrem Körper, als er sie festhielt. Beinahe wie im Traum tanzend sie zwischen ihren Mitlernenden, die gespannt zusahen. 

Thelka genoß es, einmal nicht wegen ihres Status als Menschen angestarrt zu werden, während sie sich im Kreis drehen ließ. Mit Kenos Führung tanzten sie über die ganze Fläche und ihre Kleid bewegte sich wie eine Wolke um sie. Die Luft um sie sprudelte und blitze auf und das konnten alle um sie herum sehen. 

Einige Mitlernende tanzen mit ihnen mit, ließen aber genug Raum zwischen sich und den Zwei, denn im Gegensatz zu vorher tanzten sie freier und aufbrausender. Beinahe hemmungslos und ohne Rücksicht auf die anderen.

Mit dem Auftakt des Liedes zum Höhepunkt schafften es Thelka und Keno, im Tanz aufeinander zu hören und einzugehen. Sie führten einander. 

Während das Lied den Höhepunkt erreichte so waren und Keno und Thelka im Tanz beinahe wie eine lodernde Flamme eines Kamins, bevor sie unfreiwillig einbricht.

Das Lied war schneller zuende als Thelka gedacht hatte und der Rausch der Bewegungen ließ wieder nach. Keno blieb stehen, sein süßer Geruch war nicht mehr so stark und beinahe angenehm, als sie so nahe an ihm stand. Sie sah ihn an, seine Augen funkelten sie an und sein Puls raste, dass er sogar an seinem Hals zu sehen war. Er ließ sie noch nicht los, stattdessen hielt er sie fest, sodass sie an ihm vorbeisehen konnte. Am anderen Ende des Raumes konnte sie My sehen, die alleine und wartend neben dem Essen stand. 

Thelka fühlte Mitleid und den Wunsch, das Scheinwerferlicht mit ihr zu teilen. Denn My hatte es verdient, von ihresgleichen anerkannt zu werden. Keno verfolget ihrem Blick und sah zu My rüber. Der Traum, den Thelka grade mit Keno durchlebt hatte, platzte wie eine Seifenblase, als er den Mund aufmachte. „Wo ist denn dieser widerliche Mensch hin?“ 

Sie zuckte überrascht zusammen, denn dieser Satz boxte ihr aus dem Nichts in den Bauch, dass von dort ein starker Schmerz ausstrahlte. Doch sie musste den Schein wahren: „Sie sitzt heulend in einer Klokabine.“

Thelka löste sich von Kenos Griff, doch seine Hand hielt ihre weiter fest. 

Etwas in seinen Augen wirkte beinahe Mitleidsvoll, doch Thelka hörte nur den Spott in seiner Stimme.  

Sie sagte ihm, dass sie auf die Toilette muss. Er ließ ihre Hand erstaunt los, war Lucinda doch noch nie so direkt. Sie lächelte gezwungen und rauschte von der Tanzfläche, bis sie aus seinem Blickfeld war.