Wut ist nicht einfach nur ein Gefühl. Es ist eine Symptom aus Machtlosigkeit und dem Hass auf ein Feindbild.

Wenn jemand wütend ist dann ist man emotional nackt, ohne die eigenen Filter und Vorhänge, die die eigenen Emotionen verheimlichen sollen. 

Der nächste Morgen fühlte sich eingenartig an. Thelka spürte noch die Reste ihres Abends mit Keno wie einen Kater durch Tequila. 

Als der Tanz vorbei war ging sie direkt zu Lucinda und tauschte wieder ihren Platz. Sie flüssterte der schlafenden Lucinda zu, dass sie einen tollen Abend mit Keno hatte, sie den Trick mit den Schmetterlingen gemacht hatte und sie sich nun sicher ist, dass alle sie nun für eine gute Kandidatin hielten. Ohne Thelka zu sehen wachte Lucinda auf und und ging zurück zum Ball, während Thelka auf ihr Zimmer ging. 

Das erste, was Thelka noch vor dem Unterricht sah, war My, die sich sorgend vor sie stellte. „Wo bist du gestern Abend abgehauen?“, sagte sie. Verwirrt dachte Thelka nach, aber sie konnte sich keine gute Ausrede ausdenken, bis auf eine. 

„Ich hatte mords Bauchweh und nachdem Lucinda mich auf dem Klo damit aufgezogen hat, bin ich ins Zimmer. Sie hätte das bestimmt rum erzählt.“, sagte sie ihr leise. „Entschuldige, ich habe vergessen, dir Bescheid zu sagen.“

My drückte ihre Augenbrauen zusammen, als sie diese Antwort hat wirken lassen. „Ich stand den ganzen Abend alleine da und habe auf dich gewartet.“

Es dauerte, aber My bekam ein Gefühl von Scham und korrigierte: „Naja, irgendwann habe ich dann mit Merit getanzt, aber das ist nicht dein Glück gewesen.“

Thelka lachte sie stolz an und nahm sie in einen Arm. „Ja dann, entschuldige bitte!“, lachte sie.

Sie gingen durch die Eingangshalle zum Klassenraum und tauschten sich über die letzten Vorlesung desFachs ‚Geschichte der Magie’ aus, als die Luft um sie mit einem bekannten, süßen Geruch gefüllt wurde. Es dauerte nicht lange, da schallte auch die Stimme von Keno um sie. 

Thelka hatte sich bereits Gedanken gemacht, wie sie sich verhalten muss, sobald sie ihn das nächste mal sah. Dabei log sie sich an, dass sie es einfach wegstecken könnte, ohne sich erwischen zu lassen. Doch etwas an dem letzten Abend hat einen Dorn in ihr hinterlassen.

Seine Stimme löste ein Zerren in ihrem Bauch aus und sie spürte, dass er ihr immer näher kam. Ihre Wangen rötete und trotz ihrer eigenen Worte und Mahnungen ertappte sie sich, wie sie einen Fehler begann. Sie erlaubte sich einen Blick in seine Richtung. 

Seine Haare lagen locker über seinem Gesicht und er hatte an diesem Tag auf sein Sakko verzeichnet, wodurch er weniger kantig wirkte. Lucinda war neben ihm und lachte über ihren eigenen Witz, als wäre sie die lustigste Person auf der Welt. 

Keno erwiderte den Blick in Thelkas Richtung und nur eine Millisekunde lang hatte sie geglaubt, wären ihre Misstände ausgeklammert. Doch ein kräftiger Stoß von Kenos Schulter, als sie ihm keinen Platz gemacht hatte, weckte sie wieder auf. Ihr Rucksack rutschte ihr schmerzhaft von der Schulter und sie verlor ihr Gleichgewicht. Ihre Hand prellte unangenehm auf dem Boden auf. My kniete sich helfend zu ihr.

„Hey Arschloch“, schrie sie ihn an. Die positiven Emotionen waren verschwunden und sie hatte seine Boßhaftigkeiten wieder klar vor Augen.

Keno hatte kurz überlegt, ob er sich entschuldigen soll. Er wollte ihr nicht aus dem Weg gehen, aber sie umzuhauen und ihren Rucksack umzuwerfen war nicht seine Absicht. Aber er sagte sich selber, er würde einen Teufel tun und sich bei einem Menschen entschuldigen.

„Redest du mit mir? “ sagte er in ihre Richtung. Sie kletterte mit Mys Hilfe wieder auf ihre Beine und sah wütend zu ihm.

„Ich wünschte ich müsste es nicht.“, fauchte sie ihn an.

Er schaute irritiert von diesem Satz zu ihr, doch er wusste, dass sie ihn damit beleidigen wollte. Das sollte sie büßen.

„Was denkst du eigentlich, wer du bist?“ Sein Blick war voller Abwertung und solche Blicke waren nichts besonderen für Thelka, doch das brachte sie auf eine Idee.

‚Er hatte gestern nur Lucinda gesehen‘, erinnerte sie sich. Und dieser Gedanke stach in ihr Herz mit einem Säure getränkten Dolch.

„Du hast doch nur Angst, wenn sich die Prophezeiung erfüllt, dass du dann ihr unterstehst.“, spottete My.

Ein wenig lachte sie über diese Vorstellung. Und auch er schien von der absurden Idee amüsiert zu sein.

Wenn er breit lächelte, dann konnte man erkennen, dass sich seine Zähne nicht gerade nach unten, sondern leicht nach innen zeigten. Das führte nicht nur dazu, dass ein Zahnfetischist wie Thelka ständig an seinen Zähnen hing, sonder auch dass seine Eckzähne aussahen wie Reißzähne.

„Du bist einfach lästig. Nichts mehr als ein Platzhalter.

Wegen dir hat eine wahre Kandidaten nicht die Möglichkeit, ihre Kräfte zu trainieren.

Van Witt hat mit dir einen peinlichen Fehler begangen und ich bin hier, um den zu Fehler zu korrigieren.“

Ihr ermüdetet aber intaktes Lächeln brannte, als sie sich dazu Zwang, auf seine Worte zu reagieren. „Aber am Ende der Zeit habe ich doch sowieso alles vergessen.“ Sie lachte gezwungen, aber selbstsicher. Dank dieses Deals könnte er ihr nichts anhaben, egal was für böse Wörter er sich noch einfallen lassen würde.

„Das reicht mir nicht.“, grinste er in ihr Gesicht. „Ich werde dafür sorgen, dass man dich noch diese Woche rauswirft, keinen Tag länger. Aber du wirst deine Erinnerung an diese Schule behalten, weißt du warum?“

Diese Worte konnten noch nicht von ihr verarbeitet werden, denn diese Vorstellung schien ihr zu absurd. Doch ihm zu antworten viel ihr trotzdem leichter als gedacht, auch wenn sie vor lauter Aufregung ein Stechen in ihrem Hals verspürte.

„Mit Sicherheit um deine sadistische Neigung zu befriedigen.“

„Du bist so schlau.“, er tippte ihr gegen die Stirn. „Für den Rest deines Lebens musst du über deine Schulter schauen und hoffen, dass dich niemand wiedererkannt hat. 

Egal in welchem Fleck dieser Welt du dich nieder lässt, wartet schon jemand auf dich um dich fertig zu machen. Und tief in deinem mickrigen Gehirn weißt du, vor uns bist du nicht sicher. Erinnerungen werden dann dein kleinstes Problem sein.

Niemand wird dir glauben, und wenn du es versuchst wirst du von deines Gleichen genau so abgestoßen wie von uns. 

Dein Fluch wird deine Paranoia sein und immer daran zu denken, dass du wertloses Ding nicht gut genug für diese Welt bist.“

Ihr Herz setzte aus. Das führte dazu, dass sich ihr Körper in wenigen Sekunden in einen Shut Down Zustand begab und ihre Knie einbrachen. Nur durch ihre Reflexe konnte sie sich trotz des Einsturzes auf ihren Füßen halten. 

„Du bist so widerlich.“ sagte sie ihm. Dabei war ihr Hals voller Nadeln und ihre Augen trockneten aus, während sie ihn wütend anstarrte. 

Lucinda griff nach Kenos Schulter und zog leicht an ihn, um ihn von Thelka zu läsen. „Lass den Freak.“

Dabei sah sie zu Thelka rüber und grinste sie an. 

Keno reagierte, indem er ihre Hand auf seiner Schulter griff und sich in ihre Richtung drehte. 

Doch Lucinda brach ihren Blick zu Thelka nicht ab. „Ich würde einem Ding wie dir nicht mal die Luft zum atmen lassen, geschweige denn ein Wort sagen, wenn du mir nicht wie Scheise am Schuh kleben würdest. „

Die Wut, die sich in Thelka bildete, war nicht einfache Wut. Diese Wut verfestigte die Luft und raste wie eine große unsichtbare Welle Richtung Keno, der ihr schon den Rücken zugedreht hatte.

Die Welle hätte Keno, Luscinda und eine Wand niedergerissen, wenn sie unkontrolliert weitergerollt wäre. Doch etwas in Thelka wurde wach, als sie den Druck der Wut um sich spürte. Ein Bild vor ihrem Auge überdeckte Keno und Lucinda. Sie sah hohe Flammen und einen pechschwarzen Himmel, der sich vor ihren Augen ausbreitete.

Ein Gefühlt, das wie eingeschlossen in ihr versteckt war, brach heraus und nur deswegen entschied sie sich, ihre Wut zu zügeln und zurückzuziehen.

Was eins eine starke Welle war löste sich auf seinem Weg auf und reichte nur, um Lucindas Fuß vom Boden wegzuziehen.

Lucinda stolperte und fiel auf den Boden, wobei sie hörbar mit allen Vieren aufprallte. Sie fluchte laut vor sich hin und richtete sich mit Mühe auf ihre hohen Schuhe.

Keno beugte sich neben sie und half ihr mit seinen Händen um ihre hoch, bevor er mit wütenden Augen zu Thelka sah. Thelka sah in seine lodernden Augen und er in ihre weit aufgerissenen, braunen Augen.