Es war der Tag, an dem es an der Tür klopfte.
Wer klopfte heute noch an einer Tür, wenn man doch mindestens die Klingel benutzen konnte? Doch das Klopften löste etwas in Thelka aus und vielleicht deshalb hat sie die Tür geöffnet.
Ein geneigter Kopf unter unten Hut stand an ihrer Wohnungstür und der Geruch von altem Leder übertönte den Geruch aus ihrem Flur.
„Entschuldigen sie die Störung, aber ich soll ihnen diesen Brief persönlich überreichen. Können sie ihn Bitte annehmen?“, sagte eine dunkle, raue Stimme.
Sie nahm den Brief ohne zu zögern und schloss die Tür, nachdem sich der Hut von ihr wegdrehte.
Der Brief war sehr schwer. Schwerer als ein Brief vom Finanzamt oder jede Rechnung, die sie je bekam und auch schwerer als die Briefe davor. Deshalb öffnete sie ihn direkt an der Tür, ohne ich vorher abzulegen, so wie sie es mit Rechnungen tat.
Der Umschlag, der zwar recycelt aussah, aber in feinem beige war, fusselte leicht an der aufgerissenen Seite und offenbarte ein dunkelrotes Blatt.
Kurz hatte Thelka sogar überlegt, ob es sich bei dem Brief nur um eine Geburtstagseinladung handeln konnte.
Sie zog das Blatt aus seinem Umschlag und bereits der Stempel auf der oben anliegenden Seite verriet, dass es keine Geburtstagseinladung war.
Das Symbol der Vierfaltigkeit war mit einem angetrockneten Stempel aufgestempelt worden. Anders, als alle anderen Briefe die sie bekam, über die Suche nach einer bestimmten Person und die einzigartige Möglichkeit, eine bedeutende Hochschule zu besuchen.
Ihr Name, der sich daneben befand, war handschriftlich geschrieben.
Ihre Armhaare stellten sich auf und drückten gegen ihren Pullover, als sie den Brief gelesen hatte, ohne seinen Inhalt zu verstehen. Sie legte den Brief ab, wo sie alle anderen Briefe weglegte.
Das Herz pumpte das Blut durch ihren Körper und trotzdem waren ihre Hände eiskalt.
Nach dem ersten Brief, den sie noch für einen schlechten Scherz hielt, lösten diese Briefe immer wieder Erinnerungen aus, die sie tief in sich vergraben hatte.
Sie erinnerte sich an ihre Mutter und ihre Worte.
Wenn Thelka daran dachte, dann versuchte sie sich zu beruhigen. „Was sie gesagt hat, stimmt nicht. Das hat sie nur gesagt um dich zu beschützen. Richtig war es aber trotzdem nicht.“
Und in ihrer Erinnerung sieht sie sich, viele Jahre jünger als jetzt. In ihren Augen glänzten noch die Tränen, die sie weinte. Nicht, weil sie traurig war, sondern weil sie sich schämte. Scham, für das was sie war und was sie tat. Und ja, ihre Mutter wollte dieses Ergebnis nicht, doch als erwachsener Mensch ist dir bewusst, dass du das in Kauf nimmst, wenn du tust, was du tust.
Doch der neue Brief löste etwas anderes aus. Und es dauerte zwei Tage, bis Thelka dieses Gefühl verstand. So erinnerte sie sich an noch mehr Worte und Emotionen, die in ihrer Kindheit so viel ausgemacht haben. Nicht nur die Scham, sondern auch die Angst davor, dass sie war wer sie war. Und Sorge. Sorge davor, alle zu verlieren, so wie ihre Mutter es ihr angedroht hatte.
Und über all dem war die Schuld.
Doch auch etwas anderes stach hervor, das Thelka besonders stutzig machte. Es fehlte die Morddrohung. Der unterschwellige Hinweis, dass man sie töten würde, wenn sie nicht irgendwelcher Anforderungen genügte. ‚War sie nun die letzte?‘, fragte sie sich. ‚Wieviele vor ihr waren dieser Suche bereits zum Opfer gefallen, dass es plötzlich eine Ausnahme gab. Hat es wirklich nur fünf Briefe gebraucht, um alle anderen zu Überzeugen, sich dieser Gesellschaft zu opfern?‘
Sie nahm diesen Brief erst wieder in die Hand, als sie sich dafür bereit fühlte.
In dem Brief war eine Telefonnummer hinterlegt, bei der Thelka sich nach ihrer Entscheidung melden sollte. Sie hasste telefonieren, deshalb pumpte ihr Herz bereits genug Adrenalin, als sie ihr Telefon in die Hand nahm. Die Töne aus dem Gerät wirkten unendlich lang und niemals endend, bis eine Männerstimme sie unterbrach. Danach wünschte sich Thelka zurück in die Warteschleife.
Das war das erste Mal, dass sie die Stimme von dem Direktor Van Witt hörte, das dachte sie zumindest. Er machte ihr ein Angebot, dass ihr wie Trommelschläge im Kopf herumstieß und noch nie hatte sei so schnell etwas zugesagt. Es war ihr unbegreiflich, wie sie sich so schnell entscheiden konnte.
Ihre ganze Scham und ihre Schuld und alles, was ihre Mutter ihr jemals gesagt hatte, hatte ihr Leben lang wie ein starker Schneesturm ihr Leben erschwerte und sie zurückgehalten. Doch dieser schien plötzlich weiterzuziehen und es war, als könnte sie Wege erkennen, die sie beschreiten könnte.
Sie konnte und durfte sich diese Möglichkeit nicht entgehen lassen.
Nachdem sie ihren ersten Schritt in die Schule gemacht hatte, stellte sie sich vor, dass ihre Mutter so nah wie schon lange nicht mehr war. Sie konnte ihre schützende Hand auf ihrer Schulter spüren, während sie ihr sagte, dass sie einen Fehler machen wird.
Und trotzdem war ab da alles genau nach ihrem Plan gelaufen. Sie bekam den Job in der Bar, richtete sich schnell ein, bereitete ihre Vorlesung vor und war fest davon überzeugt, die 4 Wochen zu überstehen.