Die Idee einer Bürde besteht darin, mit einer Aufgabe belastet zu sein, die einen deshalb belastet, weil sie an dem Kern eines Menschen ansetzt und etwas herausfordert, das sich falsch anfühlt. Wenn man eine Bürde überwunden hat, dann hat es immer einen Preis gekostet, den man nicht greifen kann und dieser Preis behandelt immer eine Wesensveränderung.

„Ich kenne niemanden der so egoistisch ist wie du.“, pustete Thelka Keno an. Er hat bereits an dem frühen Morgen vor ihrem Zimmer gelauert und ließ sie nicht zum Unterricht, denn er hat sich die Zeit genommen, mit ihr diesen Tag zu verbringen.

„ICH bin egoistisch?“, lachte er zurück, da er ihre Reaktion besonders übertrieben fand. Zumal er nur einen Tag mit ihr verbringen wollte. Schließlich war bereits die Hälfte ihrer Zeit in dieser Schule verstrichen und nur wenige Tage waren übrig geblieben.

„Was soll denn dieses betonte ich bedeuten?“

Keno sprach laut los: „Das soll bedeuten…“ doch bevor er weiterbrüllen konnte, lehnte er sich zu Thelka, und sagte in einem viel leiseren Ton:

„Du wurdest vielleicht mit der Kraft geboren, uns alle hier zu retten und du entscheidest dich dafür, es ganz alleine für dich zu halten.“

Sie zog ihn näher an sich ran, um auch das folgende unerhört sagen zu können.

„Das hast du aber gut eingespielt. Schade, dass du es selber so wenig glaubst.“ Keno antwortete mit einem Schulterzucken, mit dem er ihr zeigen wollte, dass der Versuch es ihm wert war. Dann lies Thelka ihn los und richtete sich auf: „Deinesgleichen maßt sich so viel dazu an, dass ihr mit etwas geboren wurdet, wo jeder einzelne von euch keinen Einfluss drauf hatte. Mit euren Regeln und Gesetzen stellt ihr euch über die, die dieses Glück nicht hatte, und wozu?

Außer vernichten und töten fällt euch nichts anderes ein, mit nicht magischen zusammenzuleben. Jeder einzelne von euch. Die letzten Wochen hatte jeder die Möglichkeit mich vom Gegenteil zu überzeugen.“

„Dann lass mich dich überzeugen.“

„Du willst mich vom Gegenteil überzeugen?“

„Was soll dieses betonte du?“ Keno lehnte sich zu ihr runter. „Ich würde gerne meine zukünftige Frau zu einem Date…“ doch bevor Keno aussprechen konnte machte Thelka eine ausholende Bewegung, die ein Boxhefühl in Kenos Bauch auslöste.

„Du glaubst wohl du könntest dir alles erlauben?!“

Zur Thelkas Überraschung lehnte sich Keno noch weiter zu ihr. „Und wenn ich dir im Gegenzug ein Einzelzimmer für die übrige Zeit organisiere.“

Thelka ärgerte sich, dass sie Keno eine solche Vorlage geboten hat, doch sie hatte keine Wahl. Ein Einzelzimmer war zu verlockend. Schließlich fand sie sich wenige Minuten später in dem dunkleroten Wagen mit dem Keno sie in die nächst größere Stadt fuhr.

Sie wusste, dass Keno ihr mit einem Einzelzimmer nicht nur gutes tun wollte. Vielleicht wagte er zu überlegen, dass sie sich in der Einsamkeit sicher fühlte und einen Fehler machte, wobei er sie auf frischer Tat ertappen konnte.

Nachdem sie ihrer Schuluniform ausgezogen und etwas einfacheres angezogen und ihre Sachen in eine kleine Handtasche gepackt hatte, zählte sie vor ihrem Zimmer das Bargeld in ihrem Portemonnaie.  Keno, der sich wartend neben sie gestellt hatte flüssterte leise vor sich hin, wie sehr er Geld liebte. Diese Aussage löste eine starke Angst Welle bei Thelka aus, denn wohin auch immer sie nun hinfuhren, sie würde ein finanzielles Loch davontragen.

Der Wagen fuhr durch eine größere Stadt und hielt an dessen Zentrum an. Obwohl Thelka wusste, dass diese Stadt durch ihrer begrenzten Größe ein Anlaufort für eine elitäre Gesellschaft war, war sie besonders überrascht von der Architektur und der Sauberkeit in dieser Stadt. Es war beinahe altmodisch und gut erhalten, statt neu und aktuell.

Diese Stadt war eine von wenigen Orten, in der Magischgeborene und Nichtmagischgeborene zusammenleben konnten, denn wo sie sich in magischer Macht unterschieden, konnten beide Parteien von finanziellen Macht der anderen profitieren.

Doch von dieses Zusammenleben wusste Thelka nicht und Keno hatte nicht vor, ihr davon zu erzählen. Denn er wusste, dass sie sich damit noch weiter von den Magischlebenen entfernen würde.

Das Auto parkte direkt vor den vergoldeten Eingang eines Restaurants, in dem die glasigen Fliesen am Boden die Malereien der Decken reflektierte. Ein dunkelgkleideter junger Mann öffnete die Tür hinein und versteckte sich hinter der Tür, als Keno eintrat, dicht gefolgt von Thelka.

Sie flüssterte mit schwitzigen Händen zu Keno, der sie wiederholt hintenerherfallen ließ: „Der Laden wird weit über meine Möglichkeiten liegen.“

„Ach Thelka, das ist doch alles kein Problem. Ich kümmere mich sehr gerne darum.“

„Willst du mir heimlich einen Kredit unterjubeln der mich heimlich in die Unerträglichkeit des Lebens knechtet?“

„Ich glaube nicht an Kredite und nein, ich kann es mir leisten, jemanden einzuladen.“

Ohne eine Einweisung setzte sich Keno auf einen freien Platz und Thelka sah um sich herum, ob jemand sie davon abhalten wollte.

Ein älterer Kellner kam mit zwei Gläsern, die mit einem rosa gefärbten Wein gefüllt waren. Er stellte sie ab, ohne ein Wort zu sagen, obwohl Thelka ihm stotternd symbolisieren wollte, dass sie keinen Wein bestellt hatten.

„Willst du lieber etwas anderes?“, fragte Keno.

„Wir haben doch überhaupt nichts bestellt, wir wissen doch gar nicht wieviel der Wein kostet.“

„Den trinke ich eigentlich jedes Mal, wenn ich hier zu essen bin. Wenn er dir nicht schmeckt, dann suchen wir uns für dich etwas anderes.“

Thelka sah verstört vom Konzept des überraschenden Preises auf das Weinglas und sah den Tropfen bei ihrem Weg nach unten zu.

„Wieviel Geld hast du den?“, sagte sie verwirrt.

„Geld? Nicht sehr viel. Vielleicht ein paar Tausende.“

„Was? Wie willst du denn dann hier bezahlen?“

„Unterschätzt du etwas meinen Einfluss?“

„Wie hast du Einfluss mit ein paar Tausenden? Du hast viel weniger Eigentum als die meisten Menschen in diesem Land.“

„Geld und Eigentum ist nicht direkt das selbe.

Ich bin faktisch Reich. Ich habe massiv Eigentum in Immobilien und Wertgegenständen und genug Aktien um meinen Senf zu den Geschäften der größten Unternehmen weltweit dazuzugeben. 

Jeden Tag kann ich machen was ich will und wenn ich ein Restaurant besuche, könnte ich auf die Rechnung pissen und der Kellner würde es lächelnd entgegen nehmen. Aber ich hab einfach kein eigenes Konto, geschweige denn Bargeld. Wenn ich unterwegs bin“

„Aber du hast doch eben gesagt, dass du Geld liebst“

„Oh ja und wie ich es liebe. Geld ist eine der besten Sachen die sich die Menschen ausgedacht hat. Sie zerstören ihren Lebensraum, Nahrungsmittel, Wasser und den Sauerstoff zu atmen nur um ihre Zahl auf dem Konto ins unermässliche wachsen zu lassen.

Und das witzigste ist, das bringt ihnen überhaupt gar nichts. Die können in ihren kurzen Leben nicht ansatzweise so viel ausgeben.“

„Das gilt doch nicht für alle. Nicht alle sind so reich, dass es bis zum Lebensende und darüber hinaus reichen würde.“

„Du hast Recht. Der Rest wird von Geld kleingehalten. Scheiß auf gesunde Lebensmittel, scheiß auf Lebensraum. Kostet alles Geld. Geld entscheidet, ob du gesund bist oder du an einer einfachen Krankheit verrecken musst. Wenn du leben willst brauchst du Geld, dabei kann man Geld nicht mal fressen.

Genau diese Kleinen nehmen meine vollgepisste Rechnung entgegen. Und von denen da oben bekommt man immer nur so viel Geld, dass man sich nicht leisten kann, aus dem System auszubrechen. Kleine Liebeströpfchen, die in den Konten der kleinen Leute landen zum Dank für die Lebenszeit, die ihr mit Scheiß-Aufgaben verbring.“

Thelka merkte, dass das Thema sie unwohl machte. Es war wie im Film, sie merkte dass sie nicht dazu gehörte. Und etwas in ihr ging in dem automatic Modus und fragt eine Frage um das Thema zu ändern.

„Wo ist die Speisekarte?“, fragte Thelka.

„Nein, das ist kein Laden in dem du eine abgenutzte Karte bekommst. Der Kellner sagt dir, was es gibt und dann kannst du entscheiden.“

„Ich kann mich ganz schlecht entscheiden, wenn jemand mir so eine Auswahl sagt und direkt eine Antwort will.“

„Die Auswahl ist jetzt nicht sehr groß. Ich glaube daran, dass du das schaffst.“

Ein weiterer Kellner, ein etwas jüngerer Mann, kam an ihr Tisch und lächelte sie an, als er seinen Text aufsagte.

„Einen wunderschönen guten Tag und vielen Dank, dass sie sich entschieden haben, bei uns zu dinieren.“ Er erzählte ihnen von den drei Gerichten, von denen sich Beide etwas aussuchen könnte und Thelka hatte ihm nicht direkt zugehört. Peinlich berührt wollte sie ihn nicht fragen, ob er es wiederholen könnte. Doch Keno sprang ein.

„Was sind denn eure alternativen Gerichte?“, fragte Keno ihm erstaunlich höflich betont.

„Wir haben alternativ Stopfente…“

„Oh, ne. Ich esse kein Fleisch. Es sei denn en ist menschenfleisch.“ Er zwinkerte Thelka zu. Und der Kellner reagierte nicht weiter darauf.

„Ich werde die Chefköchin bitten, ein vegetarisches Gericht vorzubereiten. Was darf es denn für ihre Begleitung sein.“

Thelka hat diese Chance gesehen und antwortete den Kellner nur, „Ich nehme dann das selbe.“

Sie sah dem Kellner hinterher, der zur Tür in die Küche ging und konnte einer Szene zuschauen, wo eine Chefköchin erst ihn und dann Keno ansah und anschließend dem Kellner eine Backpfeife gab.

Es dauerte nicht lange, bis die aufgebrachte Chefköchin, gefolgt von dem jungen Kellnern, der mehrere Teller gleichzeitig balancierte. 

„Entschuldigen sie bitte Herr Korbinian, wir haben leider nicht gesehen, dass unser neuer Kellner an ihren Tisch gegangen ist. Wir haben für sie ein Pasta Gericht vorbereitet. In dem Pesto haben wir einen weißen Trüffel fein gegart und mit einem vegetarischen französischen Hartkäse zu einem Pesto verarbeitet. Daneben haben wir die übliche Salatbeilage anstelle der Vorspeise, mit einer Variation von gerilltem und eingelegtem Gemüsen.“

Sie signalisierte dem Kellner, dass er die Teller anrichten soll und mit einem festen, schnellen Gang ging sie zurück in die Küche.

Er verhinderte den Augenkontakt, doch wünschte trotzdem einen guten Appetit, bevor er wieder ging.

Thelka war peinlich berührt. Jeder Nerv in ihrem Körper wollte eingreifen und verhindern, dass man unnötigen Aufwand durch sie hatte. 

Sie versuchte, die Portion Nudeln und den Beilagensalat zu essen, ohne sich zu blamieren. Mit penetranter Sorgfalt aß sie ihre Nudeln vorsichtig und versteift, obwohl sie dabei Erfahrung hatte. 

Deshalb sah sie nicht zu, wie Keno aß. Stattdessen verpasste sie, wie er sich in großen Portionen die Nudeln einverleibte und dabei nicht einmal sein Gesicht, geschweige denn seine Kleidung beschmutzte.

Ohne ein Wort auszutauschen verspeisten sie ihre Nudeln und den Beilagensalat. Erst mit dem Abräumen der leeren Teller brach Keno die Stille und begann das Gespräch neu Aufzurollen.