Das Taxi, das Thelka zurück zur Schule brachte kostete etwas mehr als sie an Geld dabei hatte. Doch der Taxifahrer, der ihr leises, verärgertes Wimmern auf der Rückbank gehört hatte, drückte ein Auge zu und erlies ihr die fehlenden 6 Euro und 23 Cent.
Die Sonne ging gerade unter, als sie vor dem 12er Zimmer stand, bevor ihr einfiel, dass sie ihre Sachen gar nicht mehr dort stehen hatte. Zu diesem Zeitpunkt bekam Thelka die ersten Zweifel, ob sie sich richtig verhalten hatte.
Der junge Sekretär sagte ihr, dass ihr neues Zimmer fertig war und sie sofort rein könnte. Ein bisschen Dankbarkeit leuchtete in ihr auf.
Sie ging zu dem Zimmer, das Keno für sie sehr sorgfältig hat vorbereiten lassen, wo ihr zusätzlich ein einzelnes Bett und ein Schrank zur Verfügung stand. Zum ersten Mal seit den drei Wochen hörte sie das Rauschen in ihren Ohren, als sie langsam zur Ruhe kam.
In ihren Kopf ging sie die letzten Stunden immer und immer wieder durch und sie quälte sich damit, ihre Fehler erneut zu durchleben. Bei der Erinnerung, wie er sie einlud und es als Date bezeichnete, pochte es in ihrem Bauch. Als wäre eine eigene Miniaturversion von ihr in ihrem Bauch und diese würde vor lauter Ärgernis gegen alle Wände boxen.
Sie wiederholte jedes Wort, an das sie sich erinnern konnte. Doch mit jedem Durchgang waren ihre Worte immer mehr geraten und verschönert. Bis sie sich an Momente erinnern konnte, die sie lieber hätte durchleben wollen.
Der Tag war zu jung für Thelka, um im Bett zu bleiben, deshalb quälte sie sich weiter und zwang sich aus dem Bett heraus.
Sie schlenderte ihren neuen und noch unbekannten Flur entlang und ließ ihre Gedanken währenddessen weiter schleifen, denn obwohl der Flur für sie noch neu war, sah jeder Flur gleich aus.
Sie erinnerte sich, als sie My das erste Mal gesehen hatte. My hatte Thelka in einem solchen Flur abgefangen und sich ihr vorgestellt. Dabei trug sie eine Frisur, bei der ihre Haare wie zwei kleine Kugeln auf dem Kopf zusammengebunden waren.
Das war das erste Gespräch mit einer Magischen Person in ihrem Alter und Thelka hatte sich eher vorgestellt, dass sie ihr gegenüber mehr abstoßen finden würde. Doch My war ihr direkt so sympathisch, dass es ihr beinahe leid tat, dass sie mit ihr nichts zu tun haben wollte.
My stellte sich mit ihren ganzen Namen vor. „Mein Name ist Myrrh, ich bin Student Visitor Inclusions Manager, den Titel kann ich noch bearbeiten. Alle meine Freunde und darüber hinaus nennen mich My.“
Sie fuhr fort, dass sie dafür da ist, Thelka eine bestmögliche Zeit zu bereiten. Sie kümmert sich um die Organisation, damit Thelka alle notwendigen Vorlesungen besuchen kann und ist ihre Ansprechperson für alle möglichen Themen. Und bei Thelkas Vorgängern war sie dafür da, eine mögliche Flucht zu verhindern. Und bei dieser Aussagen hatte My etwas gemacht, weshalb es Thelka schwer fiel, sie zu verabscheuen. Sie zeigte Reue, ganz klare und unabstreitbare Reue.
Thelka überraschte sich selbst, als sie sich bereits beim zweiten Treffen gefreut hatte, dass sie My an ihrer Seite haben wird.
Ihr erstes Treffen mit Lucinda war nicht viel anders. Natürlich hatte sie Thelka gegenüber anders behandelt, doch auch sie war dazu gezwungen, sich ihr vorzustellen. Lucinda war nicht nur Leiterin der meisten Komitees, die sie zum Teil selber gegründet hat. Sie ist mehrere Jahre hintereinander gewählte Schulsprecherin und direkte Brücke zwischen Mitlernenden und dem Direktor.
Obwohl Lucinda ist wie sie ist, sie gehört zu den engagiertesten Lernenden, wenn sie nicht sogar die engagierteste ist. Und der erste Satz, den sie zu Thelka sagte, war „Hallo, mein Name ist Lucinda.“
Thelka verstand, dass Lucinda sie nicht persönlich hasste. Sie hasste nur Menschen und das Thema des Unholy Spirits. Und beides traf auf Thelka zu, genau so wie bei allen anderen Möglichen vor ihr.
Etwas in Thelkas Gedanken erinnerte sie daran, wie sie Lucinda und My innig ineinander verschlungen in Lucindas Zimmer gesehen hatte. Sie versuchte sich daran zu erinner, wie es dazu kam, aber der Grund würde ihr nicht mehr einfallen, doch was danach geschah, war ganz tief in ihr eingebrannt. Denn Lucinda mochte es gar nicht, wenn andere sie in einem Moment der Schwäche erwischten und sie stieß Thelka mit einem kräftigen Stoß aus dem Zimmer raus. Obwohl My nichts getan hatte, würde sie genau so unter Lucindas angestochenen Ego leiden, egal wie sehr sie sich verteidigen sollte.
Thelka hatte nie genau gefragt, was zwischen ihnen geschehen war. Doch sie hatte vereinzelte Teile zusammengelegt und ein löchriges Bild erhalten. Obwohl Lucindas sich niemals eine gleichgeschlechtliche Beziehung verbieten würde, so war sie doch abgeneigt von dem Gedanken, dass sie ihre wertvolle Zeit mit einer Beziehung verschwenden würde, wobei sie von sich selber jeden Tag 100% Engagement erwartete.
Lucinda hatte es nie verkraftet, dass sie niemals eine Kandidatin um den Platz des Unholy Spirits werden könnte.
Und all den Hass, den sie anderen Entgegenbrachte, war nur ein Bruchteil von dem Hass, den sie sich selber spüren ließ.
Weil Lucinda sich nie vollständig auf diese Beziehung einließ, hatte My diese noch weit vor Thelkas Eintreffen beendet, aber niemals aufgehört, für Lucinda da zu sein. Doch was auch immer My machte, es würde nie reichen um an Lucinda ranzukommen. Seit diesem Moment in Lucindas Zimmer hatte sie schließlich aufgegeben.
Thelka schlenderte weiter und fand sich gelöst von ihren Erinnerungen in dem Lehrendenflügel, in dem sie vorher nur einmal war. Sie wanderte an den Gemälden von Keno und Kenos Vater vorbei.
Der Weg führte zu dem Büro des Direktors, wo sie seine wütende und genervte stimme hörte. Er hatte mehrmals auf seinen Tisch geklopft und deshalb überhört, dass sich Thelka an seine Tür geschlichen hatte. Der Direktor hatte Thelka in seinem Büro empfangen, an ihrem ersten Tag. My hatte sie diesen Weg begleitet und sie dort dann alleine gelassen. Daran erinnerte sich Thelka, als sie die dicke geräucherte Luft aus dem Büro wahr nahm.
„Es war trotzdem nicht nötig, ihren Sohn hierhin zuschicken. Er hat wahrhaftig besseres zu tun, als seine alte Schule zu besuchen. Ja… ja… natürlich will ich ihre Entscheidung nicht kritisieren.“
Der Zeigefinger klopfte im Takt seines Pulses auf den teuren Schreibtisch.
„Leider muss ich den Bericht ihres Sohnes bestätigen. Wir haben keinerlei Zeichen dass sie magisch ist, geschweige denn der Holy Spirit. Wir werden die Zeit abwarten und weitersehen.
Aber mein Herr. Ich möchte einen Gedanken noch einmal teilen, den ich schön länger habe. Vielleicht ist die Verrechnung um ein Jahr gar nicht so verkehrt gewesen, wie vorerst angenommen.“
Ein lautes Rauschen erbrach aus dem Telefonhörer, den der Direktor vom Ohr weghielte.
„Aber sie kennen doch Lucinda. Es gibt keinen ebenbürtigen Lernenden, dem ich eine solche Chance geben würde.“
Das rauschen horchte ein weiteres Mal auf, doch schien abzudämmen.