„Entgegen der generellen Annahme ist Magie nicht einfach ein Paket, das von den Eltern zum Kind getragen wird.“, sagte Frau Dr. Hilland. Hinter ihr wehten die schweren Herbstäste an den Fenstern.
Sie hatte ihre Zuhörenden nach dem aufgeregten Morgen mühevoll zur Ruhe gebracht und startete ihre Vorlesung im Fach „Allgemeinmagische Theorie“ mit dem Thema der Kernmagie. Ihre Schuhe machten ein klackendes Geräusch, während sie durch den steinernden Hörsaal spazierte.
„Tatsächlich passt Magie sich dem eigenen Charakter an und wird von diesem geformt. Deshalb fallen in diesem Fach die meisten durch, denn es ist sehr belastend, traumatisierend..“ Sie stoppte vor einem Mitlernenden mit rotgefärbtem Haar. „…oder manchmal sogar beleidigend.“ Leises Lachen hallte an den Steinwänden durch den ganzen Saal.
„Wir können nicht ändern wer wir wirklich sind. Jemand, der grundsätzlich gut ist, kann natürlich etwas machen, was gegen der eigentlichen Natur des inneren Kerns spricht. Das ändert jedoch nicht, dass jemand grundsätzlich gut ist.
Nehmen wir mich als ein Beispiel. Ich bin ein Waisenkind und in meinen frühen Jahren wurde ich von einer Pflegefamilie zur nächsten getragen.
Niemand wollte mich, so tragisch das auch klingen mag. Und natürlich habe ich diese Erfahrung tief in meinen Kern eingebrannt. Als ich in diese Schule gegangen bin habe ich dann schließlich gelernt, dass ich im Kern sehr einsam bin.“
Sie ging an ihren Schreibtisch und strich über ihren Globus. „Deshalb ist meine Magie auch ganz anders als die der meisten von euch.“ Der Globus fing an fast erfreut in alle Richtungen zu drehen. Dabei hatte Hilland die Hand bereits weggenommen. „Meine Magie erlaubt es mir, Dinge um mich herum zum leben zu wecken. Man könnte sagen, dass ich mir meine eigenen Freunde erschaffen kann.“
Mit einer weiteren Handbewegung bringt sie den Globus zurück zum Stillstand.
„Da hört es aber nicht auf.“ Hilland trat zu einem ihrer Vögel und strichelte ihm über den grünen Kopf. Dieser fing an ganz ungehemmt zu quatschen und beschwerte sich über die dicke Luft im Raum. Hilland brachte ihn zum Schweigen mit einem Zischgeräsuch, dass sie mit den Lippen erzeugte.
„Das Schlagwort dabei ist „Interpretation“, das haben wir in der letzten Stunde angesprochen. Kann mir einer sagen, was genau wir damit meinen?“
Thelka hob den Arm. „Damit ist einfach gemeint, dass jemand mit einer ähnlichen Erfahrung diese anders verarbeitet und vielleicht deshalb eine ganz andere, vielleicht sehr negative und unempathische Magie besitzt.“
Hilland nickte bestätigend, bevor sie fortfahren wollte. Doch ein Klopfen an der Tür erstickte ihre Gedanken.
Ein starker, süßer Geruch füllte den Raum und Hilland bekam ein breites Grinsen. Thelka musste sich nicht umdrehen um zu verstehen, wer den Saal betreten hatte, obwohl sie am weitesten von der Tür und somit am nächsten zum Lehrendenpult saß. Ihr Blick lag an den dunkelorangenen Blättern, die sich teilweise hinter den tiefroten Vorhängen versteckten.
„Herr Kobinian, schön dass sie endlich hier sind. Wir haben hier schon sehr gespannt auf sie gewartet. Bitte setzen sie sich doch.“
Die zuvor von Hilland errichtete Ruhe war wieder in einer rauschenden Unruhe umgewandelt und es schien sie nicht zu stören.
„Bitte, Frau Dr. Lassen Sie sich nicht stören. Schließlich soll ich hier nur wie ein Schatten verweilen.“, sagte seine dunkle, aber freundliche Stimme. Keno setzte sich in die hinterste Reihe.
„Eigentlich sind sie zum richtigen Zeitpunkt gekommen. Ich erinnere mich gerne daran, wie sie in meiner Klasse saßen und wir an diesem Punkt der Vorlesung waren.
Es gibt für diese Theorie einen schönen, einfachen Trick, um für sich selber etwas Klarheit bezüglich des eigenen, inneren Kerns zum schaffen. Vor allem bei Neumagischen ist es sehr spannend zu sehen.“
Hilland verteilte kleine Papierzettelchen an die vordere Reihe, die sich eins nahm und den Rest nach hinten weitergaben.
„Das Papier, das ich euch gegeben habe, besteht aus Spinnennetzfasern. Das besondere daran ist, dass diese Fasern fast ohne bei tun auf alle magischen Wesen reagiert. Jeder von ihnen wird nun ein Wort darauf schreiben, vom dem sie überzeugt sind, dass dieses Wort sie beschreibt.
Sollte dieses Wort zu ihnen wirklich passen, wird das Papier sich in Silber verwandeln. Wenn dieses Wort ihnen jedoch widerspricht, geht es in Flammen auf. Und je weiter weg das Wort ihrem Kern ist, desto explosiver wird das Papier aufgehen.“
Hilland ging zurück zu dem rothaarigen Mitlernenden, sah zu ihm herunter und Thelka entdeckte eine fehlende Augenbraue.
Es hallte wieder leichtes Gelächter auf, dem sogar Thelka beiwohnte, das aber von einer festen Stimme erstickt wurde.
„Frau Dr. Sind sie sicher dass wir den Menschen an dieser Aufgabe teilnehmen lassen sollten? Es wäre eine Verschwendung von guter Spinnennetzfaser.“ Es war Lucinda, die etwas weiter hinter Thelka saß.
„Lass sie doch das Wort ‚magisch‘ drauf schreiben, dass explodiert vielleicht ihr Gesicht.“, schrie jemand in die Runde.
„Dann wird nichts passieren, denn sie ist ja nicht magisch.“, antwortete Lucinda darauf. Beinahe genervt.
Hilland sah zu Thelka, die sich in einer Erklärungsnot wiederfindet. „Ich werde das machen, egal was die anderen sagen. Ich habe mich schließlich darauf vorbereitet.“
Das Papierstück vor Thelka war gerade mal so groß, dass ein gut lesbar geschriebenes Wort darauf gepasst hat. Der an den Tisch gebundenen silbernen Füller in einer Tintenflasche, den auch alle anderen hatte, lag schwer in Thelkas Hand. Sie lehnte die Spitze auf das Papier, als ihr etwas am Ohr kitzelte.
Eine dunkelrote Haarsträhne wehte vor ihren Augen. Erschrocken sah Thelka an der Strähne hoch und sah direkt in die leuchtenden Augen von Keno. „Dann schreib mal was.“, sagte er ihr. „Dann schau mal hin.“, antwortete sie.
In ihrem Kopf waren viele Wörter, die sie darauf schreiben wollte. Sie versuchte, an den erst negativen Wörter vorbeizudenken und etwas positives zu finden. Von ‚unordentlich‘ zu ‚anstrengend‘ abgesehen, hatte sie sich positive Wörter wie ‚verantwortungsvoll‘ oder ‚kreativ‘ ausgesucht. Jedoch kamen ihr die Worte zu allgemein vor.
Während sie Worte aussuchte und aussortierte hörte sie mehrere kleine Explosionen und erschrockene Schreie, die von Hilland genervt aufgefangen und streng getadelt wurden.
Die Auswahl der Wörter reduzierte sich und das Wort, für das sie sich schließlich entschieden hatte, war ‚zutraulich‘.
Die Haare von Keno wanderten von ihrem Ohr weg über ihren Kopf, nachdem sie das Wort fertig geschrieben hatte. Die dunkelrote Strähne wehte wieder vor ihrem Gesicht.
„Du scheinst kein Risiko einzugehen.“, lachte Thelka.
Doch wie Keno es erwartet hatte, kam weder Explosion, noch änderte sich das Papier und er reagierte darauf, indem er sich unbeeindruckt erhob und sich von Thelka entfernte. Wenn Lucinda nicht offensichtlich in seine Richtung gegangen wäre, dann wäre er weggegangen.
Lucinda stampfte vor Thelka und zeigte Keno stolz ihr Silberblatt mit dem Wort ‚ambitioniert‘: „So sieht das aus, wenn jemand wirklich magisch ist.“ Thelka versuchte, nicht darauf zu reagieren, doch das stachelte Lucinda nur mehr an.
„Hoffentlich weint sie nicht wie die letzten drei.“, sagte Lucinda Keno, als beide in Thelkas enttäuschte Gesicht sahen. Eine Träne rollte über ihre Wange.