Es ist der dritte Samstag, an dem Thelka zur ihrem kleinen Job in der Bar fuhr, die sie von der Schule aus mit einem Schulfahrrad erreichen konnte. Einem Angebot, dass die Schule allen Lernenden bereitstellte, um die kleine Stadt im Tal besuchen zu können. Denn kein Weg zur Schule war mit einem Auto oder etwas anderem befahrbar, um unbefugte oder unfreiwillige Besuchende zurückzuhalten.

Trotzdem saß am Ende des Schulgelände die schlecht gelaunte Maria, die in ihrer Holzhütte ihre Cartoons zeichnete.

Doch wenn man ihr ein ehrliches Hallo entgegenrief, so würde sie ein ehrliches Hallo zurückwerfen.

Als Thelka ihre Einladung zur Hochschule annahm, wusste sie, dass ihr Erspartes gerade so reichen würde, um nicht jeden Tag arbeiten gehen zu müssen. Schließlich hatte sie bereits eine Wohnung und Versicherungen, die jeden Monat ihren Beitrag verlangten. Zu Thelkas Glück fand sie bereits bei ihrer Ankunft das Blatt Papier am Schaufenster, dass sie erstmals in die Bar herein lud. Der Besitzer der Bar nahm ihr Angebot an, an den Samstagen bis zum Morgen zu arbeiten, und dafür zwei Tage bezahlt zu bekommen. Er brauchte dringend Unterstützung und sie dringend das Geld.

Zu dem Job bekam Thelka eine Kollegin mit dem Spitznamen Nanni, die in der Bar hauptberuflich aushalf. Fast jeden Abend verbrachte sie hinter dem Tresen, um Getränke an die selben Leute zu verkaufen. Daher war es nicht wirklich verwunderlich, dass sie die meiste Zeit ziemlich gefrustet von ihrem Leben war. Doch Thelka wusste damit umzugehen, oder besser drumrum zu kommen. 

Und obwohl es erst der dritte Samstag war, an dem Thelka in dieser Bar arbeitete, sollte es der aufregendste werden. Die Nacht war bereits eingebrochen, das Licht der Bar leuchtete dem Mond entgegen und die selben 15 Leute saßen an ihrem Plätzen, um das abendliche Bier zu trinken.

Weil Thelka und ihre Kollegin sich sicher waren, dass niemand aus der Hochschule sich jemals in diese Bar heranwagen würde, wusste Thelka direkt, dass die Anwesenheit von Keno und Lucinda, sowie ein paar ihrer Freunde, ein Angriff auf sie war.

Lucinda und ein anderes Mädchen lehnte sich an die Juke Box an, Keno ging direkt an den Tresen und der Rest belegte einen der letzten freien Tische. Nanni, die sich seiner Bestellung annehmen wollte, sah ihn an wie eine rote Perle in einem Sack blauer Perlen und Keno wusste, wie er diesen Blick entgegentreten musste.

„Was darf es sein, Fremder?“, lehne sich Nanni an die Bar.

Keno sah in ihre erröteten und müden Augen.

„Wie heißt du?,“ sagt er zu Thelkas Kollegin.

„Ich bin Nanni.“

„Nanni, was ein schöner Name.“ Seine Mundwinkel hoben sich bis zur Unterkante seiner Augen. Die Reißzähne glänzten Nanni an und nur ihre Berufserfahrung rettete sie vor einer unangenehmen Situation.

„Versuch es nicht.“, grummelte sie.

„Was versuchen?“. Sein Mundwinkel zuckte.

„Ich weiß ganz genau was für ein Typ du bist. Aber lass dir eins gesagt sein, mich kannst du nicht so einfach um den Finger wickeln.“
Sie drehte sich demonstrativ von ihm weg und er verfolgte alle ihre Bewegungen, als würde er einen vorbei rauschenden Zug beobachten.

„Wow. Sowas höre ich nicht oft.“, sagte er mit niedergeschlagener Stimme. Seine Augen warteten ihren Blick zurück ab, um sich ebenfalls demonstrativ wegzudrehen.

„Damit gehörst du zu den wenigsten.“ Er tippte nachdenklich mit den Zeigefinger auf den Tisch. „Eigentlich bist du sogar die Einzige.“

Dieser Aussage würdigte Nanni keiner Antwort. Stattdessen lenkte sie ihre Hände nun mit nebensächlicher Arbeit ab.

„Ich will einen Drink.“, hörte Thelka Keno in ihre Richtung sagen.

Ihre Augen konnten nicht weiter nach hinten drehen. „Ich werde dich nicht bedienen.“

Keno fuhr mit seiner Hand an der Theke entlang, als er zu Thelka ging. „Sowas habe ich von einer Kellnerin wirklich noch nie gehört.“

„Möchtest du, dass ich dir die Bedeutung erkläre?“

„Hast du Angst, dass ich dich nicht bezahlen kann?“

„Ich habe Angst, dass du mit deinem Drink nicht mehr weggehst.“

Von der Seite drehte sich Nanni in die Konversation. „Thelka, werde nicht frech. Er ist ein Kunde und Kunden werden bedient. Er kann bestellen, was er will. Das geht jetzt wohl aufs Haus.“, demonstrierte Nanni. Sie war schließlich über Thelka gestellt und musste ihre Position beweisen, vor allem vor den Gästen.

„Großartig. Was darf es denn sein?“, grunzte Thelka Mit einem breiten Grinsen. Woraufhin Keno sich auf die Nase tippt und Thelka darauf hinwies, „Du hast da was.“ Thelka wischte sich wütend über die Nase und das Grinsen weg.

Er sah zu Nanni, als er Thelkas Frage beantwortete: „Ich hätte gerne drei Whiskey.“

Ihr erst Blick wechselte zu einem professionellen Lachen und sie bereitet stumm die drei Gläser mit dem Bareigenen Whiskey vor. Ihre nassen Hände reichte ihm die angefeuchteten Gläser. Seine linke Hand nahm ein Glas und steckte sie zu Nanni, die Rechte nahm die anderen beiden.

„Einer ist für dich.“ sagte Keno zu Nanni, ohne sie anzusehen. Obwohl sie schon oft einen mit Gästen mitgetrunken hatte, war sie besonders verwundert. Denn noch nie wurde sie dazu eingeladen, sondern hatte immer selber die Einladung ausgesprochen.

„Ich möchte auf dich trinken.“ Seine Hand reichte ihr das Glas und als sie ihm das Glas abnehmen wollte, sah Thelka, wie er seine Hand näher an Nannis drehte und zärtlich ihre Finger berührte. Nanni ließ die Berührung zu. In der freien Linken Hand nehm er sich eins der anderen Beiden Gläser und hob es zum Anstoßen. „Auf die Erste und hoffentlich die Einzige.“, lächelte er Nanni an. Die Gläser stießen aneinander.

Während beide sich das Glas an die Münder führten, sah Keno ihr ununterbrochen in die Augen und seine schiefer Mundwinkel zuckte wie ein lächeln nach oben. Beinahe hypnotisiert konnte sie ihren Blick von seinem Gesicht nicht abwinden. 

Wenn Thelkas Augen ein Geräusch machen könnten, dann hätte man sie in ihrem Kopf herumfliegen hören, so sehr hatte sie sie nach hinten gedreht. Keno kippte sich das Glas in einem Zug in den Hals und verschlang den Whiskey, was Nanni dazu aufforderte, das Glas ebenfalls zu leeren.

Nachdem Nanni ihr Glas verkehrt herum hinstellte und sich von Keno wegdrehte, um sich anderen Kunden zu widmen, reichte Keno seinen zweiten Whiskey in der rechten Hand zu Thelka, die sich nicht mal die Hände freimachte, um ihm das Glas abzunehmen.

„Du hast sie doch jetzt nicht mehr alle.“

„Ach Thelka, das ist doch eine Bar und in einer Bar nimmt man den Drink eines Anderen an.“

Thelka sah auf das Glas mit der bernsteinfarbenen Flüssigkeit. Ihre Gedanken drehten sich darum, ihm das Glas aus der Hand zu schlagen oder ihn einfach stehen zu lassen. Sie war es ihm nicht schuldig, dieses Glas anzunehmen, waren sie nicht auf eine eigenartige Art und Weise ebenbürtig. 

Die Gedanken, ihm das Glas auszuschlagen, waren in ihrem Gesicht lesbar genug, um Keno auf den selben Gedanken zu bringen.

„Mein Vater hat mir früh beigebracht, dass man einen Whiskey mit demjenigen trinken muss, dem man versprochen hat, dass eine gemeinsame Zukunft wartet.“

„Wir haben keine gemeinsame Zukunft.“ pustete es aus ihr heraus, gerötet von dem Gedanke, dass er auf eine mögliche Heirat anspielte. Doch das war gar nicht seine Intention.

„Jetzt mach dir nicht in dein Hösschen, es geht viel mehr darum, dass mein ein Geschäft eingegangen ist.“

„Sag mal, wie redest du eigentlich mit…?“, sagte Thelka sichtlich angepisst, doch beantwortete sich diese Frage bereits selbst, bevor sie das letzte Wort aussprach. „Das war die Show mit Nanni eben also? Du versucht mich zu provozieren? Bisschen den Spielraum austesten? Und alle um mich herum gegen mich aufbringen? Denkst du, mich macht es nervös, wenn du dich in mein Leben schleichst?“

„Du bist so schlau! Und jetzt nimm das Glas in die Hand, bevor ich es aufgewärmt habe.“

Thelkas angefeuchtete Hand griff wiederwillig das Glas und das Tau des Glases rollte um ihre Finger. Mit der anderen Hand füllte sie Kenos leeres Glas neu auf.

„Worauf willst du trinken?“, sagte sie ihm misstrauisch. Sie hob die wankende Flüssigkeit zu Kenos Glas hinauf.

Dieser kam ihr entgegen und hob sein Glas zum Anstoßen hinauf. „Auf kleine Schritte.“, zwinkerte er sie an. Die Gläser stießen aneinander an.

„Auf nette Versuche.“, antwortete sie. Der Blitz, der in den Gläsern entstand, leuchtete gerade stark genug auf, um von Thelka und Keno gesehen zu werden.

Der Rest des Abends verlief objektiv betrachtet ruhig, obwohl Keno und seine Freunde noch über die Öffnungszeiten hinaus blieben und tranken, was sie noch bezahlen konnten. Sie war von Lucinda weitestgehend ignoriert worden, höchstens zum Bestellen war sie bereit gewesen, ihr entgegenzutreten.

Sogar ihre stacheligen Bemerkungen waren auf kleine patzige Wörter reduziert gewesen. Stattdessen konnte Thelka dabei zusehend, wie sie vergeblich versuchte, Keno zum Tanzen aufzufordern, während sie die JukeBox belagerten.

Ein wenig angetrunken sprach Lucinda mit Keno, dass Thelka neugierig wurde.

„Es bedeutet mir viel, dass du ein gutes Wort für mich eingelegt hast.“

“Nach deiner Vorstellung beim Halloweenball ist das doch selbstverständlich.“, hörte Thelka Keno antworten.

“Meinst du, der Direktor gibt mir eine Chance?“

“Den kannst du vergessen, der ist nicht wichtig. Meinen Vater musst du beeindrucken.“

Die Musik hatte die höchste Lautstärke erreicht, die Gläser waren verbraucht und die Bar gelehrt, als ein junger Mann in einem schwarzen Anzug die Bar betrat. Er hatte sein dunkles Haar vom Regen genässt nach hinten gewischt. Thelka sah dem Spektakel hinter der Theke aus zu.

„Ein Pastor?“, bemerkte Lucinda fragend zu Keno. „Wir hatten schon seit Jahren keinen Pastor mehr in dieser Stadt.“

Der junge Mann sah zu Lucinda und reichte ihr die Hand. „Ich bin Sebastian, genau ich bin der Neue. Seit einem Monat arbeite ich die Kirche. Es ist sehr schön euch kennen zu lernen.“

Lucinda sah genau so auf seine Hand wie sie sonst auf Thelka sah. Abgeneigt.

Um hinter den Tresen zu gelangen, musste man einen weiteren Raum durchqueren, in dem vor allem Vorräte und Flaschen standen. Er war nicht sehr groß und schnell geschafft, doch Thelka kletterte über den Tresen hinüber, obwohl ihr das ausdrücklich verboten wurde.  

Ohne sich umzusehen stampfte sie zu dem jungen Mann und legte ihm eine Hand auf die Brust, mit der sie ihn zurück zur Tür und hinaus drückte.

„Ich kümmere mich drum Nanni“, schrie Thelka durch die Bar, bevor sich die Tür hinter ihr schloss. Nanni wusste sichtbar nicht, warum ihr Thelka das sagte.