Die Vorlesung, die Thelka am interessantesten fand, war der eigentliche magische Anwendungsunterricht. Und sie war jede Stunde besonders gut vorbereitet, um die Fragen des Professors beantworten zu können.
Der Mann in seinem dunklen Mantel war besonders streng mit falschen Antworten, schaffte es aber, alles besonders gut zu erklären. Daher fielen die falschen Antworten besonders selten aus.
Mit solchen Lehrenden konnte Thelka besonders gut umgehen.
Doch an diesem Montag war sie etwas abgelenkt, deshalb war sie die meiste Zeit still auf ihrem Platz in der vordersten Reihe.
Um sie herum standen kleine Papierboxen mit einem Deckel.
„Wie sie wahrscheinlich schon gemerkt haben, wo sie nun fast alle meinen Unterricht mehr als einen Monat besuchen, halte ich nicht viel von diesen Taschenspielertricks, die sie hier machen.“, fing Professor Schlautz an. „Leider sind wir alle Untertanen unsere eigenen Regeln der Interpretation und der Limitierung unsere Fähigkeiten. Wenn man diese Tricks schon so viele Jahre macht wie ich, dann bekommt man einen Einblick darin, was bei jedem Funktioniert und was nicht.“
Thelka öffnete ihre Box und fand eine kleine farblose Glasperle, die in der Shcachtel hin und her rollte. In den anderen Boxe, die unter den Mitlernenden verteilt wurden, waren ebenfalls farblose Glaskugeln. An der Tafel vor ihr war der Professor dabei, ein Plakat aufzuhängen
„Wir haben hier eine Farbskala ausgedruckt. Sie sehen in dem Kreis alle uns bekannten Farben und ich habe jeder Farbe eine Emotion hinzugefügt.“
Schlautz stellte sich hinter seinen Stehpult vor der Tafel und hob sein eigene Box in die Höhe.
„Dieser Trick braucht etwas Anlaufzeit. Sie legen eine Hand auf den Deckel der Box und die andere Hand auf ihre Brust. Wichtig ist, dass die dominierende Hand auf der Schachtel liegt.“
Auch Thelka legte ihre linke Hand auf den rauen Papierdeckel und die andere Hand auf dir Brust. Dann begann der Projektor ein Video auf die Freie Wand über die Tafel zu projektieren. Der Film zeigte verschiedene Naturaufnahmen zur jeder Jahreszeit, friedlich und katastrophal. Und keine Menschen, nur die Auswirkungen von Menschen auf den Planeten, wie zum Beispiel schmelzende Eisberge oder Müll, aber auch einen wunderschönen Blumengarten und angebaute Gemüsereben. Vielleicht war genau diese Ausgeglichenheit der Grund, weshalb niemand Thelka aus dem Raum jagte.
Der Film dauerte länger, als er sich anfühlte und My, die neben Thelka saß, flüsterte ihr zu, dass sie einen Emotionalem Marathon hinter sich hatte. Doch Thelka dachte noch an das Bild eines brennenden Waldes, das kurz nach einer Aufnahme von einem hoppelnden Hasen zu sehen war.
„Nun, das war jetzt viel, ich weiß das. Aber jetzt bite ich sie darum, die Box zu öffnen und die Farbe ihrer Kugel zu offenbaren.“
Die Mitlernenden holten die bunte Auswahl an Kugel aus ihren Boxen und hielten den Regenbogen an Farben hinauf. My hatte eine gelbe Kugel, die Farbe zu dem Gefühl Angst.
Schlautz konnte jede Farbe unter den Mitlernenden erkennen, sogar eine grüne, die für hoffnungsvoll stand.
Die kalte Glaskugel, die Thelka in der Hand hatte, war Orange, aber sie änderte sie wieder in ihre Ursprungsfarbe. Die Farbe für Schuld, glich Thelka ab. Keno, der am anderen Ende des Raumes seinem Job nachging, hatte eine lila Kugel, die für Freude stand, doch dieses Gefühl wurde nicht durch das Video ausgelöst.
„Interessant, das erste Mal in meiner Zeit als Lehrender haben wir heute alle Farben vorhanden. Schön, dass man da mal etwas Abwechslung erwarten kann.“
Schlautz fragte rum, wie genau sich die Mitlernenden ihre Farben erklären würden. Lucinda, die ihre blaue Kugel wie eine Ehrung ihrer Mitfühlenden Seele hochhielt, erzählte von ihren kleinen Haushasen, den sie einschläfern ließ, weil sie keine Zeit mehr hatte, sich um ihn zu kümmern. Sie nannte es, ein Opfer für ihre eigene Zukunft. Und Thelka würde Lucinda niemals absprechen, dass das vielleicht sogar traumatisierend war, dass sie ihren Hasen für ein paar gute Klausuren einschläferndere ließ.
„Aber warum sage ich ihnen das alles?“, fuhr Schlautz fort. „Die Kernidee meines Unterrichts ist es Ihnen beizubringen, dass wir uns alle im Weg stehen, wenn wir versuchen, die Idee einer Interpretation umzusetzen. Wenn sie also eine Blaue Perle in ihrer Box haben, dann bedeutet das, dass sie grade traurig sind. Hätte ich Traurigkeit aber mit der Farbe Orange zusammengestellt, dann wäre ihr Perle Orange.“
Thelka ließ die Worte auf sich wirken und bemerkte erst einige Sekunden später, dass sie stoppten. Ihr Blick sah zu Schlautz, der seine Box nahm und ohne seinen Punkt zu festigen, aus dem Raum ging.
Der Stuhl, auf dem My saß, wurde von ihr nach hinten gestoßen und auch sie, mit dem Rest der Sitzreihe, quetschten sich an Thelka vorbei, um den Raum zu verlassen.
Wenn Thelka sich nicht an den Tisch hat drücken lassen, dann hätte sie gemerkt, dass sich der ganze Raum lehrte.
Sie drehte sich um und die Stühle waren nun alle leer. Keine Jacken, keine Rucksäcke oder ein paar lose Stifte die bewiesen, dass sich vor wenigen Sekunden noch Menschen in dem Raum aufhielten.
Vor Thelkas Tisch wurde etwas gegengelenkt und als Thelka sich umsah, stand Keno vor dem Tisch. Seine Hände hielten sich am Rand ihres Tisches fest, um seinen über den Tisch schwebenden Körper zu stabilisieren.
Etwas surrte an Thelkas Ohr, während Kenos Gesicht ihrem immer näher kam. Er küsste sie.
Seine eiskalten Lippen legten sich sauf ihren Mund und wenn sie es nicht besser gewusst hätte, dann wäre sie fast davon ausgegangen, dass es ein Kuss aus tiefer Zuneigung war.
Es surrte wieder an ihren Ohr, als sein Kuss dringlicher wurde.
Die genau so kalten Hände von Keno umfassten ihr Kinn wie eine Stütze. Und es surrte ein weiteres Mal.
Die Hand von Thelka kannte nur eine Reaktion auf ein solches Surren, zuschlagen. Sie schwang ihre Hand an ihr Ohr vorbei und beim dritten Schwung merkte sie, dass sie etwas weggeschlagen hatte.
Kenos Gesicht verpuffte. Die Stimme von Professor Schlautz ertönte wieder in seiner bekannten Erzählerstimme und Mys dunkel eingekleideter Rumpf erschien in ihren Blickiwinkel. Alle anderen saßen wieder auf ihren Platz und nur weil Thelka sich vor Schreck aufsetzte, merkte man ihre Verwirrtheit.
„Haben Sie eine Frage?“, fragte Professor Schlautz.
„Die will sich wichtig machen, weil sie dieses Mal nichts beizutragen hat wie sonst auch.“, spottete ein junger Mitlernender, der auf den zwei Hinterbeinen seines Stuhls balancierte. Thelka kannte ihn vom sehen und er hatte ein Gesicht mit Wiedererkennungswert. Doch wie er hieß war Thelka scheißegal. Und wenn er nicht auf seinem Stuhl balancierte, dann wäre das folgende vielleicht nicht passiert. Denn der Stuhl verlor das Gleichgewicht und der junge Mitlernende viel samt Kugel in der Hand nach hinten. Sein Kopf machte ein hohles Geräusch, als er aufschlug. Nur knapp verfehlte er den Tisch hinter sich.
Die Perle in Thelkas Hand war nun dunkelrot, doch das konnte keiner erkennen, denn sie hielt sie fest in ihrer Hand.
Der Unterricht wurde von Schlautz pünktlich beendet und alle verließen den Raum, nachdem sie die Boxen am Pult abgegeben haben. Keno, der Seine Perle behielt, wartete vor der Tür auf Thelka, um sie abzufangen.
„Es ist ganz schön auffällig, wie viele in deiner Gegenwart stolpern und hinfallen“
„Ich bin einfach zu umwerfen.“, platzte es aus ihr heraus. „Aber du mit deinen kleinen Tricks bist auch ganz schön auffällig.“
„Was könntest du wohl damit meinen.“, lachte er hämisch.
„Die Eintagtraumsfliege. Falls du es vergessen hast, ich habe mich durch beinahe jedes Buch gearbeitet, das man bis zu diesem Semester gelernt haben muss. Van Witt wollte es mir besonders schwer machen und mich in weiterführende Klassen stecken, da hat er aber nicht damit gerechnet, dass ich so hartnäckig bin.“
Seine Reißzähne spiegelten das Licht der Scheinwerfer in Thelkas Richtung. „Ne, das sagt mir leider nichts.“
Thelka warf Keno mit einer toten Fliege ab. „Die Eintagtraumsfliege, mit der du mir den Traum von der Knutscherei geschickt hast. Dieses Ding fliegt dir ins Ohr und flüstert dir einen Traum vor, den du durchlebst.“
„Ach, die Eintagtraumsfliege. Da kann ich nichts zu sagen. Außer natürlich, dass du dich nicht gewehrt hast.“
„Ich habe dir die tote Fliege gerade entgegengeworfen.“
„Das meinte ich überhaupt nicht.“