„Der Mensch hat eigentlich nur vor drei Dingen wirklich Angst: vor dem Unbekannten, vor Höhe und vor dem Tod. Gilt das auch für mich?
Ich hab Angst einen Fehler zu machen und mich zu offenbaren. Dann werde ich als Aushängeschild für etwas genutzt, dem ich nie zustimmen würde.
Kann man Angst vor Macht haben?
Ich denke oft an ein Mädchen, dass Angst davor hatte, dass sich jemand übergeben muss. Natürlich ist das nur die oberflächliche Darstellung ihrer Angst. Im Kern hatte sie Angst, die Kontrolle über ihren Körper zu verlieren und dabei zusehen zu müssen. Etwas, mit dem ich mich jetzt mehr identifizieren kann denn je.
Wenn wir uns entscheiden, mutig zu sein, können wir über uns hinaus wachsen. Aber was ist, wenn genau das uns Angst macht?“
Als sie die leicht blaue Farbe an die Wand vor ihr verstrich, sägte Sebastian hinter Thelka an einer Holzplatte herum. Ihre Gedanken drehten sich, doch jedes mal kam sie zu dem selben Punkt. Sie müsste durchhalten.
Bei jeden Pinselstrich fühle es sich so an, als würden Tonnen ihre Arme nach unten ziehen. Das Fenster, das sie kurz vorher eingebaut hatten und nur noch versäubern müssten, brach das Sonnenlicht in den ganzen Raum, sodass der Schatten ihres Pinsels mit ihr auf und ab schwebte.
Eine gepfiffene Melodie im Hintergrund lenkte ihr inneres Zurück zur Kirche und sie erstaunte bei den Flecken von Farbe, die um ihre Hand gelandet waren.
„Ich habe gleich den inneren Fensterrahmen so weit, dann müssen wir nur noch Bohren.“, sagte er, vor allem zu sich selbst. „Gleich müsste Blanca mit dem Kuchen kommen.“
Blanca war die einzige freiwillige Angestellte der Kirche in Thelkas Alter. Sie hatte lange dunkelblonde Haare und obwohl sie sehr nett und zuvorkommend war, störte sich Thelka manchmal an ihrer Art.
Aber sie kümmerte sich viel um die Kirchengemeinde und machte Sebastian regelmäßig eine Freude, also behielt sie ihre Gedanken für sich.
Mit einem handwerklichen „So!“ signalisierte Sebastian, dass er mit dem Rahmen fertig war und Thelka ging durch den Raum zu dem Fenster, um ihm beim einbauen zu assistieren. Sebastian trug seinen dunkelgrünen Pullover, der voller Holzspäne war. Der Pullover hatte ein Grün, dass Thelka an immer grüne Tannen erinnerte, genau so wie sie in ihrer Heimat wuchsen. Als Thelka ihn das erste Mal in diesem Pullover sah, musste sie sich von ihm abwenden, denn sie hatte das Gefühl, ihn nackt zu sehen. Dabei war er nur in privater Kleidung.
Während der Bohrer alle anderen Geräusche übertönte, kriegten Sebastian und Thelka nicht mit, dass Blanca sie von weiter weg begrüßt hatte, als sie sich hineinbegeben hatte. Der durch ihren Eintritt aufgewühlte Staub legte sich über ihre Kleidung und sie musste niesen, doch auch das war von dem Bohrer überdeckt worden. Sie hatte in ihrer Hand eine Kuchen, geschützt in einer Kuchendose. Der dunkle Teig leuchtete durch die halb matte Schale hindurch.
Als der Bohrer ausgeschaltet war, bemerkte Sebastian seinen Gast, den er mit einer herzlichen Begrüßung willkommen hieß. Blancas Augen strahlen etwas aus, das Thelka fälschlicher Weise als eine ‚Erleichterung, über das endlich wahrgenommen werden‘ interpretierte. Sebastian nahm sie eher akrobatisch in den Arm, ohne ihr den Kuchen abnehmen zu können, und seine Holzsplitter verteilten sich nun auf ihre helle Kleidung. Blanca genoss die wenigen Sekunden in seinen Armen wie ein heißes Bad, das hatte Thelka richtig interpretiert.
Der Kuchen fand seinen Weg in die kleine Gästeküche und Blanka schnitt ihn an, während die anderen Zwei das Fenster fertig machten. Die einzelnen Kuchenstücke wurden neben eine Kuchengabel serviert und die bunt zusammengemischten Kuchenteller wurden von Blanca zur Baustelle getragen.
Das Trio stellte sich an die Grenze der verschmutzen Baustelle und lehnte sich an die noch nicht gestrichene Hauswand. Verstummt sah Thelka den anderen Beiden zu, wie sie sich unterhielten. Genau so wie bei dem ersten Treffen hatte Blanca nicht wirklich Interesse daran, Thelka bei ihrem Gespräch mit Sebastian einzubinden. Das hatte Thelka mehr als verstanden und sie respektierte es.
Die Kuchenstücke waren schnell verspeist und Thelka bot sich an, um die Kuchenteller in die Gästekuche zu tragen. Sie sammelte die Teller direkt aus den Händen, als ihr Blanca streng in die Augen sah und lachend deutete, dass sie sicher länger zur Küche brauchte, wo sie doch so viel gearbeitet hatte.
Thelka lachte diese Aussagen weg und ging ohne weiter darüber nachzudenken. So war Blanca, sagte sie sich, ein Main Character. Alles musste besonders dramatisch sein oder wenigstens alle anderen in den Schatten stellen.
Deshalb hörte Thelka nicht hin, als die Stimmen ernster wurden und sie machte sich keine Gedanken darüber, ob sie die Situation unterbrechen würde, wenn sie wieder zurück kam. Beinahe ungehemmt wollte sie wieder zurück gehen und das Gespräch beenden, als sie einer Szene entgegentrat, die persönlich und schmerzhaft wirkte.
Nur Sebastians Hinterkopf war zu sehen, während er in Blancas stark gerötete Gesicht sah. Thelka versteckte sich reflexartig hinter der Küchentür, doch sie konnte nicht wegschauen, sodass ihr Kopf an der Küchentür vorbei zu sehen war.
Abwechselnd bewegte sich Blancas Linke Hand auf ihre Brust und in ihre andere Hand. Zum Schluss legte sie ihre Hände an Sebastians Oberkörper und eine einzelne Träne rollte ihr über das Gesicht. Wie gefesselt sah sich Thelka das Schauspiel an.
Denn genau das war es; Geskriptet, geprobt und gespielt.
Der Hinterkopf von Sebastian bewegte sich minimal und etwas in Blancas Gesicht änderte sich schlagartig. Die Augen waren aufgerissen und sie richtete sich auf, als wäre sie kurz davor, sich Körperlich zu wehren. Doch stattdessen drehte sie sich um und ging weg. Sebastian sah ihr noch kurz hinterher, seufzte und strich sich durchs hängende Haar. Thelkas überschwängliche Genugtuung löste ein beinahe belächelndes Gemüt aus, als sie sich neben ihn stellte.
„Was ist grade passiert?“, fragte Thelka ihn vorsichtig, soweit man eine direkte Frage als Vorsichtig bezeichnen kann.
Das Herz von Sebastian raste und verstummte ihn, dass er einen Moment brauchte, um Thelka zu antworten. „Ich sollte darüber nicht reden.“
„Nagut, dann lass mich wenigsten einmal raten und du sagts wenn ich nah dran bin oder nicht.“
Sebastian nickte vorsichtig, obwohl er sich lieber zurückziehen wollte.
„Sie hat dir grade ihre Gefühle für dich gebeichtet und weil diese Gefühle überhaupt nicht angebracht sind, hast du sie vorsichtig in ihre Schranken gewiesen. Was sie offensichtlich gar nicht gut fand.“
„Angebracht ist das falsche Wort. Mein Job ist es, jedem Menschen ein offenes Ohr, Hilfe und Freundlichkeit anzubieten. Besonders einsame Menschen wünschen oder denken sich, dass ich zu ihnen besonders nett bin. Das passiert leider immer häufiger. Alle werden zunehmend Einsamer und sehnen sich nach dem Minimum, den ich ihnen biete. Und dann wollen sie gleichermaßen, dass ich sie lieber mag. Aber ich darf ja auch keinen Lieblingsmenschen haben.“
Thelka versuchte seine Stimmung anzuheben und legte ihre Stimme in ihren Hals, als sie ihm antwortete.
„Oh, du hast bestimmt einen Lieblingsmenschen.“, lächelte sie ihn an. Dabei grinste sie in seine Richtung, dass man ihre Absicht, ihn zu necken, nicht übersehen konnte.
Dramatisch wanderten seine Augen über den Boden zu ihr hoch und sagte ihr leise und beinahe geheimnisvoll die einzigen zwei Worte, die er ihr sagen durfte.
„Jesus Christus.“
Ein gurgenldes Lachen platzte aus Thelka raus und sie war froh, dass Sebastian auf ihr Necken eingegangen war. Der Zucker von dem verspeisten Kuchen gab ihr neue Energie und beinahe sprunghaft ging Thelka von Sebastian weg und zurück an ihre Pinsel, weiter an die Arbeit.
Seine Hand folgte ihrem Weg, der nach ihrem Parfüm roch und er sah ihr hinterher, während er sich selber hasste, seine eigenen Regeln nicht zu befolgen.