Thelkas erste Schicht in der Bar war erst am frühen morgen des darauf folgenden Sonntags zuende gegangen. Sie schlenderte halb schlafen durch das Dorf und fühlte sich nicht danach, zur Hochschule zurückzukehren. Ihre Beine trugen ihren schlafenden Kopf in das andere Ende der kleinen Stadt, wo sie von leisen Gesprächen in ein altes, verweistes Kirchengebäude gelockt wurde.

Sie merkte nicht, wie sie sich in die Hinterste Reihe setzte und direkt einschlief, während eine sanfte Stimme eine Gesichte erzählte.

Erst als sich die Halle der Kirche leerte und nur ein Platz belegt blieb, fiel dem Pastor der schlafende Körper auf. Ihr Gesicht lag auf dem Rückenteil der Bank und sie atmete durch den geöffneten Mund.

Als sie von alleine Aufwachte hatte man ihr eine Fleece Decke auf den Körper gelegt, die ihre Arme beinahe reflexartig zusammenlegten, während sie sich vorsichtig aufrichtete. Der Nacken war ihr zu steif, um sich herumzustehen. Deshalb musste sich sich erst einmal orientieren, als eine männliche Stimme aus dem Nichts zu ihr sprach.

„Moment, ich nehme sie dir ab.“

Der ganzer Körper drehte sich, um den Ursprung der Stimme zu finden. Es war der junge Pastor, dessen Stimme ihr beim Einschlafen geholfen hatte. Er machte ein paar sprunghafte Schritte zu ihr und deutete an, ihr die Decke abnehmen zu wollen.

„Entschuldige bitte, ich hoffe es war nicht unhöflich von mir zu schlafen.“

„Ach quatsch. Hier ist jeder Willkommen, der einen sicheren Platz sucht. Und zum Schlafen braucht man nunmal einen sicheren Platz.“

Etwas wie ein Lächeln breitete sich in dem Gesicht des Pastors aus. Doch es wirkte eher zurückhaltend und unbeholfen, und überaus freundlich.

„Ich glaube, ich brauchte mal ein paar nette Menschen um mich herum.“, lachte sie. Der junge Mann verstand nicht, warum sie deshalb lachen würde. „Natürlich.“, sagte er selbstverständlich, als er die Decke um seine Hände wickelte. Weil Thelka ihm darauf nicht antwortete, musste der junge Pastor zu kommunikativen Taktiken zurückgreifen.

Eine Hand löste sich von der Decke und streckte sich zu Thelka. „Ich bin Sebastian.“

Thelkas Augen folgte den einzelnen dunklen Strähnen in seinem Gesicht über die braunen Augen zu seiner Hand, die gepflegt aber unter den Nägeln verschmutzt waren. Erde, dachte sich Thelka.

„Ich bin Thelka.“

Thelkas kühle Hand wurde von der warmen Hand von Sebastian leicht aufgewärmt.

„Hallo Thelka, es ist sehr schön, dich kennen zu lernen.“

Die Decke wickelte sich zwischen den Armen von Sebastian und hinterließ an seinen schwarzen Ärmeln rote Fusseln, die er abzupfte. 

„Es ist mir ein innerliches Polsterfolie-Platzen-Lassen.“

„Sind das Klassenkameraden von dir?“, fragte er sie, als sie ihn peinlich berührt aus der Bar geführt hatte.

„Kann man so sagen, ja. Es tut mir leid, dich so rauszuwerfen. Aber du musst bei denen etwas vorsichtig sein.“

„Bin ich dir etwa peinlich?“, sagte er verletzt. „Weil ich in der Kirche arbeite?“

„Du bist mir nicht peinlich. Die da drinnen sind einfach sehr schlechte Menschen.“

„Es gibt keine schlechten Menschen, nur Menschen die schlechtes tun.“

Etwas in Thelka wurde jedes Mal berührt, wenn Sebastian seine Naive Weltansicht mit ihr teilte. Und dieses Etwas sorgte dafür, dass sie ihn mehr mochte als sie wollte.

Während sie sich kennenlernten hatte Sebastian immer einen Schritt in ihre Richtung gemacht. Bereits bei ihrem ersten Besuch in der Kirche lud er sie ein, bei ihm zu essen. In dem Moment dachte sie, dass sie ihm ausgeliefert war und er sie rumkriegen wollte. Doch an diesem Abend, als sie in den Spiegel gesehen hatte, sah sie die erschöpften Augen und ihren Durst nach einer netten Geste.

„Warum bist du eigentlich hier? Du hältst dich doch von allem fern wo Alkohol ausgeschenkt wird.“

Als sie diesen Satz gesagt hatte wusste sie nicht, dass es ihn viel Zeit gekostet hatte, die er vor der Bar stand, um sich zu überwinden hineinzutreten.

„Ich hatte nicht vor, meine vielen trockenen Jahre wieder auf Null zu bringen. Aber du bist gestern nicht gekommen und ich habe mir Sorgen gemacht.“

Stimmt, sagte sich Thelka. Seit dem Tag vor dem Halloweenball haben sie sich nicht mehr gesehen, nachdem sie sich beinahe jeden Abend trafen, um die Kirche zu restaurieren.

„Das…“ Sie hielt kurz inne um die richtigen Worte zu finden. Denn seine Art war wie Balsam für ihre gekränkte Seele. „Du siehst, mir geht es gut. Und auch wenn ich dich gerne noch eine Weile hier haben möchte, du solltest jetzt wirklich gehen. Wir sehen uns morgen früh und dann machen wir uns an den Fensterrahmen.“

Er sah ihr in in die müden Augen. Dabei war ihm nicht bewusst, dass seine genau so müde waren.

„Sehr gerne.“