Die erste Vorlesung war eine Herausforderung. Hibbelig saß Thelka an ihrem Tisch und die Worte ihres Lehrers schallten nicht weiter als an ihr vorbei. 

„Ich möchte heute die einzigartige Möglichkeit nutzen, dass wir einen der Korbinian in unserer Vorlesung haben. Das letzte Thema, woher der Aberglaube eines Zauberstabs kommt, werden wir dann nächste Woche weiterführen.“

Keno, der es zwar gewohnt war, im Mittelpunkt zu stehen, hasste es, über seine Familie zu reden. Stattdessen versuchte er, sich aus dieser Situation herauszureden.

„Herr Samson, ich bin hier doch nur ein Schatten.“, lachte er charmant. Beinahe glaubwürdig, wenn man es glauben wollte. 

Doch Herr Samson, Geschichtslehrer und leicht fanatischer Fan der Korbinians, bestand darauf und schaffte es, mit seiner penetranten Art, Keno vor die Klasse und damit neben Herrn Samson zu holen.

„Herr Kobinian, vielen Dank. Schön. Dann würden wir gerne anfangen. Sie und ihr Vater. Erzählen sie mal, wie ist es so, Teil der Vierfaltigkeit zu sein.“

Die genervten Blicke von Keno an Herrn Samson, der mit seinem karrierten Hemd seine kugelförmige Wampe hervorhob, wurden nur von seiner anerzogenen Ettikette überdeckt.

„Es ist natürlich immer eine Ehre.“, sagte Keno lächelnd.

„Eine Ehre, wohl wahr. Aber ist es nicht auch anstrengend? Was bedeutet es ganz genau?“

„Teil der Vierfaltigkeit zu sein bedeutet natürlich ein gewisses Prestige. Eine Ehre, die nur vier leben dürfe.“

„Und was würden sie sagen, ist die Vierfaltigkeit?“

„Was bringen sie denn ihren Lernenden bei?“

„Die Vierfaltigkeit wird an unserer Hochschule genau so behandelt wie überall auch. Sie ist einerseits das, was einer Religion am nächsten kommt. Also, dass wir Magischen uns den Vier unterordnen zu haben, aber wir dafür auch von ihnen beschützt werden. Aber im Gegensatz zu vielen Religionen seid ihr nicht unantastbar. So seid ihr immer, wenn auch versteckt, Teil von uns und schaut nicht einfach zu uns herab. Ihr lasst euch auch auf uns ein, ihr hört uns zu und erlaubt uns zu verhandeln, ohne uns die Seele zu nehmen, erniedrigt euch also zu unserer Ebene herab und betrachtet uns nicht als eine separate Koexistenz. Eine Frage in die Runde, es gibt einen Namen für solche Verhandlungen. Wer möchte?“

Ein junger Mitlernender brüllte in die Runde: „Korbinianische Versprechen.“

„Sehr richtig. Wunderbar. Herr Korbinian, wollen sie nicht auch auf unsere Herrin und den Unholy Spirit eingehen?“

Nein, möchte ich nicht, dachte Keno.

„Das scheint mir doch eine Zeitverschwendung. Wer weiß denn nicht alles über unsere Herrin und Meisterin.“

„Wir haben doch… Na wo ist sie denn? Achja da. Der Mensch. Der weiß es bestimmt nicht.“

Thelka fühlte sich angesprochen, reagierte mit nervösen Geräuschen und sah zu Keno runter. Seit ihrer Ankunft in dieser Schule hatte sie sich zu dem Thema ausreichend informiert, aber diese Tatsache würde sie bei ihrem Lehrer nicht ausdiskutieren.

„Alles was der Mensch wissen muss ist, dass der Unholy Spirit über uns allen steht. Eine Kraft, von der wir alle unsere Magie bekommen. Ohne den Unholy Spirit sind wir alle nichts. Und diese Magie wird niemals in einem wertlosen Menschen zusammengeführt werden.“

Es entstand vereinzelndes Nicken in Thelkas Richtung.

„Sogar unsere Herrin und Meisterin hat uns allen gelehrt, dass der beste Schutz gegen Menschen, der Angriff auf ihnen ist.“, fuhr Keno fort. „Denn mit ihnen kann man nicht diskutieren. Sie haben sich ihre Meinung bereits vor Jahrhunderten gebildet und werden sich niemals umstimmen lassen. Sie sehen nur, was sie sehen wollen. Und deshalb ist nur Angriff die beste Verteidigung.“

Keno, der sich zurücknahm, da er merkte, wie er sich in Rage redete, meinte mit seinen Worten etwas ganz anderes. Doch Thelka sah in seinen Worten genau die Lösung für ihr Problem. Angriff als beste Verteidigung. 

Und sie sagte sich, dass sie handeln musste. Denn sie würde sich nicht von Keno einschüchtern lassen.

Die Nacht war bereits angebrochen, als sie sich aus ihrem 12er Zimmer hinaus über den Flur zu dem Zimmer schlich, was bekannter Weise das Gästezimmer war. Die verschlossene Tür öffnete sie mit einer Handbewegung und sie machte ihren ersten Schrott in den pechschwarzen Raum. Die leichten Lichtstrahlen des Mondes offenbarten den Weg zu Keno, der wie eine Fledermaus umgekehrt in der Luft schwebend schlief.

Leichtes Kitzeln in Kenos Gesicht sorgten dafür, dass er unfreiwillig die Augen aufriss. Bereits wenige Sekunden nachdem er merkte, dass er wach war, erkannte er das leicht angeleuchtete Gesicht vor seinem.

Er sah sie verwirrt an und etwas machte ihn sichtbar stutzig. Doch durch seine noch von seinem Traum vernebelten Gedanken konnte er es nicht begreifen.

„Wie bist du in mein Zimmer gekommen?“, fragte er sie.

„Warum schläfst du so eigenartig?“

„Warum bist du in meinem Zimmer?“ Seine Stimme war schlagartig ernster geworden.

„Das war ganz einfach. Ich habe das Schloss geöffnet. Warum liegt da Stroh?“

Seine Augen folgten ihrem Körper, das leicht von dem Licht durch sein Fenster angeläuchtet wurde. Ihre Haare lagen platt in einem Zopf und ihr gestreifter Schlafanzug knickte an einigen Stellen zusammen, obwohl ihr Obereil eng an ihr lag.

Wäre im Zimmer mehr Licht gewesen, hätte er auch die eingefallenen Hosenbeine und ihre eingeknickten Waden gesehen.

Thelka konnte ihn dabei beobachten, wie er langsam eins und eins zusammenzählte.

„Das ist ja jetzt eine interessante Wendung der Ereignisse.“ Seine Augen musterten Thelka von oben bis unten und suchten einen Anhaltspunkt, ob es sich nicht vielleicht doch um einen Trick handelte.

„Aber dein Zettel hat nicht reagiert.“

Sie pustete amüsiert aus. „Das war ja wohl eine einfache Sache. Der Zettel durfte nicht in die Luft gehen, solange ihr in der Nähe wart. Also habe ich dafür gesorgt, dass er einfach ganz blieb. Am Ende der Klasse ist er in einer kontrollierten Umgebung in die Luft gegangen. Die Explosion war etwas stärker als ich gedacht habe.“

„Du hast etwas mit Magie kontrolliert, was auf Magie reagiert, damit du – was? Wie ein Idiot dastehst?“ Kenos Gehirn führte sichtlich die Teile zusammen.

„So ist das also.“, sagte Keno. Er knotete seine Arme vor seine Brust zusammen. „Du willst nicht, dass ich, oder etwas anderes deinen Deal mit Van Witt gefärdet.“

Sie tippte ihm etwas fester gegen die Stirn. „Du bist so schlau.“ Dann imitierte sie seine Arme. „Und jetzt hast du auch gar keinen Grund mehr, mich hier rauszuwerfen.“

„Aber warum sollte ich dich jetzt noch rauswerfen? Ich könnte doch stattdessen direkt zu Van Witt gehen und ihm sagen, dass du doch magisch bist.“

„Das glaube ich nicht.

Auf der einen Seite würde dir das überhaupt nichts bringen. Ich bin mit Sicherheit nicht der Unholy Spirit – solltest nicht sogar du selber Lucinda als Kandidatin aufgestellt haben. Meine Taschenspieler Tricks werden dich auch nicht von etwas anderem überzeugen. Außerdem würde es dir keiner glauben. Dafür habe ich in den letzten Wochen einiges hinnehmen müssen. Und selbst wenn du mich unter Qualen vor Van Witt zerren würdest, würde ich kein bisschen nachgeben.“

„Hmm.. das glaube ich dir sogar.“ Keno war sichtlich überfordert mit der Situation. Es gab ihm nicht genug Spielraum, um für sich den bestmöglichen Zug zu wählen. Er war seinem Vater schuldig, ihn zu informieren. Doch genau so, wie die Karten gerade liegen, könnte er sich blamieren, egal wie er es angeht.

„Ich will es aber spannend machen. Was hältst du von einem korbinianisches Versprechen. Wenn ich alle weiterhin davon überzeuge, das ich nicht magisch bin, dann wird mein Gedächtnis gelöscht. Genau so wie mit Van Witt abgemacht.“

„Du bist doch verrückt. Ein solches Versprechen mach dich doch nicht einfach so. Was sollte ich denn für mich aus diesem korbinianischen Versprechen rausholen?“ In Kenos Herzen war es jedoch genau das richtige. Endlich lagen die Karten neu, ohne sein bei tun. 

„Ach komm schon, in dir steckt doch bestimmt das Bedürfnis, mich irgendwie fertig zu machen.“

Genau jetzt wäre ein guter Moment, sich seine Position zu sichern und das Beste für sich herauszuholen, sagte Keno sich.

„Ok, nagut. Ich werde dir ein Angebot machen, dass du annehmen musst. Wenn du dieses Angebot ablehnst, dann werde ich dafür sorgen, dass dein Kleine Geheimnis auffliegt.“

‚Schockierend. Damit habe ich überhaupt nicht gerechnet‘, hätte Thelka Keno fast gesagt, wäre sie sich nicht sicher gewesen, dass es ihn weiter anstacheln würde. 

„Mach es doch nicht so spannend.“

Jedes Wort, das Keno nun aussprach, würde sich in dem Korbinianischen Versprechen verfestigen, deshalb war eine genaue Wortwahl entscheidend.

„Sollte sich herausstellen, dass du wirklich der Unholy Spirit bist, nachdem du deine Tarnung verloren hast, dann will ich, dass du mich heiratest.“

Thelka dachte, sie hätte sich verhört. Und jetzt erinnerte sie sich an Mys Worte an dem Tag seiner Ankunft.

„Fein.“, platzte es direkt aus ihr heraus. Beinahe, als wäre es ihr egal gewesen, was Keno gesagt hätte.

„Und…“, leitete Keno ein. „Wenn du einen Fehler machst, deine Tarnung auffliegt und du, wie du selber glaubst, nur ein gewöhnliches magisches Wesen bist, dann werde ich dich zu meinen Ehren opfern.“

Etwas daran machte Thelka stutzig und sie wollte beinahe reflexartig Einwände einbringen. Und zu ihrem Erstaunen, brachte er noch etwas ein.

„Dafür werde ich natürlich garantieren, dein Geheimnis diskret zu behandeln.“

Sie sahen sich an. Tief in Keno würde er sich sicher sein, dass dieses Angebot nur reines schönschmieren war, denn wie sie es ihm bereits gesagt hatte, würde es ihm sowieso niemand glauben. Aber dieses Angebot sorgte dafür, dass er in jedem Fall priorisieren würde. Und wäre er nicht abgelenkt gewesen, das beste aus sich herauszuholen, hatte er eine wichtige Sache übersehen. Genau so, wie Thelka es geplant hatte.

„Also, was sagst du?“

„Hab ich noch eine andere Wahl, als darauf einzugehen?“

„Sterben ist immer eine Option.“

Thelka streckte ihre Hand raus. „Dann, Deal.“

Keno griff ihre Hand und ein kribbeln zwischen den Handflächen bestätigte das korbinianische Versprechen.

Keno zog seine Hand weg, als er sich nicht mehr wohl fühlte: „Du darfst jetzt gerne wieder gehen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich dich länger hier haben will.“

„Perfekt.“, quietschte es aus ihr heraus. Sie drehte sich in der Luft, kam mit ihren Füßen wieder auf und ging durch die Tür, die sie ohne Magie mit ihrer Hand öffnete. Sie drehte sich ein letztes Mal zu ihm und mit einem leicht spöttischen Unterton sagte sie zu ihm. „Das solltest du auch mal versuchen. So ganz ohne Magie. Das ist nicht schwer.“

Die Tür rastete hinter ihr wieder ein und ließ Keno wieder alleine im Dunkeln.