Bereits am Vorabend, als sie noch mit bebendem Puls im Bett lag, hatte sie sich überlegt, den Unterricht ausfallen zu lassen und zu Sebastian zu gehen. Doch so weit würde sie es nicht kommen lassen.
Dazu entschieden hatte sie sich schließlich, als ihr Unterricht ausgefallen war. Denn alle Lehrende waren zusammengerufen worden, um sich mit dem Direktor und Keno zu einem besonderen Thema auszutauschen.
My bestätigte zwar, dass solche spontanen Zusammenkünfte in der Hochschule nicht unüblich waren, dennoch schließ sie nicht aus, dass es sich dennoch um ein Krisengespräch bezüglich des Unholy Spirits handelte.
Und My hatte hier besonders den Unholy Spirit betont, nicht Thelka. Denn nach mehr als zwei Wochen hatten sich bereits neue Pläne verbreitet, wie man den Unholy Spirit finden müsse.
Gleich zwei gute Nachrichten für Thelka, dachte sie sich und das schwere Gewicht des Vortags war wie davon gepustet.
Beinahe tanzend auf dem Rad radelte sie in die kleine Stadt und überraschte Sebastian mit der spontanen Unterstützung.
Sebastian lächelte sie immer an, als würde sie ihm Kaffee und Kuchen mitbringen, wenn er sie erblickte.
Thelka konnte sich daran nicht gewöhnen und glaubte daran, dass sie das auch nie würde.
Es war noch zeit, bis die ersten Bewohnende für den ersten Gottesdienst eintrafen, um Sebastian anzuhören. Trotz der kurzen Zeit, die er in diesem Dorf verbracht hatte, erfreute er sich eine bemerkenswerten Beliebtheit. Und das nicht nur wegen seiner Freundlichkeit und seinem offenen Herzen, sondern wegen seinem ganzen Auftreten. Seine Augen strahlten schon aus, was er in seinem Herzen trug.
Dabei machte er nie ein Geheimnis um seine Vergangenheit oder warum er in dieses Dorf gezogen war.
So hatte er bereits in seinem zweiten Gottestdienst erzählt, wie es dazu kam.
„Meine Aufgabe ist es eigentlich, euch von der Güte und dem Guten zu Predigen. Doch das würde mich zu einem Heuchler machen, denn ich habe selber mein Leben lang genau das Gegenteil gemacht.
Seit fast genau fünf Jahren habe ich keinen Alkohol mehr getrunken. In unseren schwersten Momente im Leben rüttelt Gott uns wach um uns eine Möglichkeit zur Entscheidung zu schenken. Machen wir so weiter, oder wollen wir unser Leben ändern?
Ich habe ein Leben gesehen, dass ich nicht weiter führen wollte, als ich einen sterbenden Mann in meinen Armen liegen hatte, den ich selber so verletzt habe.“
Um sich zu quälen, ließ Sebastian bei seiner Erzählung aus, wieso er diesen Mann getötet hatte. Er wollte sich nicht rechtfertigen, weil er nicht glaubte, dass es seine Tat verändern würde.
Die Predigt war vorbei, vereinzelnd kamen noch zuhörende zu Sebastian nach vorne und zeigten ihm ihre Zustimmung, gaben ihm positives Feedback und verglichen ihn mit frischem Wind. Sie gingen nacheinander aus der Kirche heraus, bis nur noch eine hand voll Jungs übrig geblieben waren. Sie trugen dunkle, grau- blautönige Kleidung und einer von ihnen hatte einen Baseball Schläger.
Das Holz des Schläger schlug auf das Holz der Sitzbanken und der festhaltende Junge deutete immer wieder an, dass der nächste Aufprall kräftiger werden würde als der davor. Der Schläger wurde mehrmals über die Schulter gehoben und kurz vorher abgebremst, bis er von einer Hand oben gehalten wurde.
Sebastian konnte sich gut artikulieren und schaffte es, dass sich Konflikte in wenigen Sekunden auflösten. Doch er war mindestens genau so gut, seine Körpersprache sprechen zu lassen. Er drückte seine Schultern nach außen und hielt den Schläger weiter nach oben, als ihn die Jungs mit genervten Blick anstarrten. Sebastian sagte nichts, er wartete nur. Und schließlich brach der Junge mit dem Schläger das schweigen und sprach zu seinen Jungs „Lasst uns gehen.“
Sebastian ließ den Schläger los, um den Jungen gehen zu lassen, doch stattdessen drehte sich der Junge zu Sebastian zurück und holte mit dem Schläger aus, der mit einer raketenartigen Geschwindigkeit auf Sebastians Schäden zuraste.
Der Schläger berührte bereits Sebastians Haare, als er sich duckte, den rechten Arm hinaufdrehte und ihn nicht nur abwehrte, sondern dem erschrockenen Jungen aus der Hand drehte.
Sebastians Hand drehte den Schläger wie ein Drummer einen Stick, um den Kopf in Richtung des Jungens zu drehen. Der Junge riss die Augen auf, als der Schläger in seinen Bauch gerammt wurde, wenn auch nicht sehr feste. Er stolperte nach hinten und seine Freunde fingen ihn aus.
Thelka war beeindruckt, wenn auch etwas überrascht. Sie sah nur noch, als die Jungs ihren Anführer aufhalfen und hinaustrugen, während sie mürrisch etwas vor sich hin flüsterten.